Sonntag, 26. Oktober 2014

Wer bin ich?

Gute Frage. Ich könnte sofort sagen, wer ich die letzten 21 Jahre war. Ich war Vollblut-Mutter von zwei süssen Mädchen, denen ich meine ganze Energie gewidmet habe. Als ich meine erste Tochter bekam, war ich - trotz sorgfältiger Vorbereitung durch Kurse und das Lesen von ganz vielen Babypflege und -ernährungsbüchern - zunächst mal ziemlich überrannt von der Realität. Die ganze Bandbreite der Emotionen habe ich durchlebt, von unbändiger Freude, Stolz, ganz viel Motivation, von völliger Übernächtigung bis hin zum Babyblues - alles war vorhanden. Da ich bzw. wir nicht in der glücklichen Lage waren, die Familie um die Ecke zu haben, blieb mir letzten Endes nichts anderes übrig, als: Die Flucht nach vorn. Ich habe dieses kleine Mädchen nicht nur geliebt, sondern habe wirklich alles, was in meiner Macht stand, getan, um es gesund und glücklich großzuziehen.

Weil sich das alles so richtig und gut angefühlt hat und auch so sinngebend, kam nach drei Jahren eine kleine Schwester dazu, und ab diesem Zeitpunkt bin ich extrem in meiner Mutterrolle aufgegangen. Ich habe die kleinen Mädels geliebt, ernährt, gepflegt, habe sie gefördert, und sie niemals in fremde Hände gegeben. Wir haben sporadische Besuche bekommen, mehr aber nicht. Es gab viele durchbrüllte Nächte und am nächsten Tag hatten wir keine Hilfe. Was hätte ich mich mal nach einem spontan für mich gekochten Kaffee gesehnt, nach irgend jemand, der gesagt hätte, leg dich mal zwei Stunden hin, ich kümmere mich um dein Baby. Gab es nicht, aber Schwamm drüber. Das alles ist ja nicht so ungewöhnlich, das geht vielen jungen Eltern so.

Als aber unsere Schwestern Kinder bekommen haben (mein Mann sowie auch ich haben ca. 9 Jahre jüngere Schwestern), hat sich das Blatt plötzlich gewendet. Die Omas haben sich plötzlich Sorgen gemacht um die richtige Ernährung des Nachwuchses unserer Schwestern. Meine Schwiegermutter ist mit meiner Schwägerin zum Kinderarzt mitgefahren, weil es ja schließlich "so anstrengend" ist, mit Maxi Cosy vom Parkplatz zum Kinderarzt zu kommen.  Später hat diese Oma einen zweiten Kinderwagen gekauft, damit sie auch einen hatte, für die häufigen Besuche des Enkels. Es gab einen Kindersitz im Auto der Großeltern, einen Wickeltisch für das Enkelkind, Babynahrung und Medizin.

Wenn wir mit unseren Mädels auf Besuch gekommen sind, haben wir all das mit großem Befremden gesehen. Wir hatten auch zwei süße Kinder, haben halt geographisch weiter weg gewohnt und nicht um die Ecke, aber hat das hat es für uns nicht leichter gemacht. Ich war in einer mir völlig fremden Stadt, es gab damals weder Navy noch Handy (jedenfalls nicht für jeden normalen Menschen, das alles ist 20 Jahre her). Ich bin mit  meinem Mann den Weg zum Kinderarzt am Abend vorher abgefahren und habe mir alles wichtige auf einem Zettel notiert, der auf dem Beifahrersitz lag. Kein Mensch hat sich interessiert, ob und wo ich einen Parkplatz finde und wie lange ich bei einem Kinderarzt verbracht habe. Dann bin ich irgendwann nach Hause gekommen und der ganze Haushalt war liegengeblieben, ist ja klar.

Ich bin auch  oft auch abends an ein dunkles Haus gefahren, es war einfach niemand da, der auf mich gewartet hätte. Mein Mann hatte damals seinen ersten Job, war viel unterwegs und ich hatte zwei kleine Mädchen zu versorgen. Trotzdem hätte ich mich mal über ein vorbereitetes Essen, ein angezündetes Licht oder eine Tasse Kaffee gefreut. Gab es nicht. Nie. Tja, wie gesagt, ich habe die Flucht nach vorn angetreten. Beide Mädels sind gesund und intelligent und starten jetzt selbst in ihr Leben. Das freut mich unheimlich!

Zurück bleibe ich und fühle mich irgendwie so  "unkomplett".  Und: Weder meine Eltern noch meine Schwiegereltern freuen sich. Beide haben sich auf die "Enkelkinder" der jüngeren Schwestern eingeschossen, haben sich viel mehr gekümmert und interessiert. Und ich bin gekränkt und fühle mich zurückgesetzt. Jetzt ist auch meine Jüngere ins Studentenleben gestartet, und es kommt keine Reaktion der Großeltern. Ich könnte K..... Andererseits ist das die konsequente Weiterführung der bisher gewohnten Ignoranz.

Und ich? Ich sitze jetzt am Sonntag Abend hier und möchte mich nicht in diese sentimentale Stimmung ergeben. Nach diesen vielen Jahren frage ich mich allen Ernstes, wer bin ich eigentlich?  Ich will wirklich nicht als sentimentaler Trauerkloß hier rumsitzen, obwohl die Situation schmerzt. Meine Therapeutin fragt: Wer sind sie? Was sind ihre Ziele für den Rest ihres Lebens? Hmm, keine Ahnung.

Falls irgendwer eine Idee hat, ich höre. Diese ganze Situation mit meinen Mädels ist gut und richtig so und doch so unrealistisch und so ungewohnt für mich. Gibt es überhaupt irgend jemand, der das nachvollziehen kann? Und was fange ich nun an?

"Das ganze Leben ist Veränderung"....

Ich hasse Veränderung, war bisher noch nie wirklich positiv....


Kommentare:

  1. Liebe Eva,
    ich habe (noch) keine Kinder und bin in einer ganz anderen Lebenssituation, aber trotzdem habe ich mich in deinem Post wiedergefunden. Ich hatte als Kind immer das Gefühl, für meine Oma so eine Art 2.Wahl-Enkelin zu sein. Zum einen lag das wohl auch daran dass wir nicht mal eben mit dem Fahrrad oder dem Bus zu erreichen waren und im nachhinein betrachtet wohl auch daran, dass ich das Kind meiner Mutter war, zu der meine Oma auch nicht das beste Verhältnis hatte. Aber als Kind versteht man sowas ja nicht. Da fand ich es einfach nur ungerecht, dass meine Cousinen und Cousins ständig von Oma betüddelt wurden während meine Schwester und ich sie wohl gar nicht mehr gesehen hätten, wenn mein Vater sich nach der Scheidung nicht so darum gekümmert hätte dass es wenigstens hin und wieder mal Besuche gegeben hätte.

    Veränderungen an sich empfinde ich nicht als etwas schlechtes, auch wenn sie im ersten Moment oft anstrengend sind und vielfach auch auf traurigen Ereignissen beruhen, aber sie bieten immer auch die Chance für etwas Neues. Man muss nur herausfinden für was und das ist manchmal nicht so leicht. Aber du bekommst das schon hin :)

    Liebe Grüße

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  2. Hallo Eva,
    lass dich einfach mal drücken.Ich kann gut nach vollziehen,wie es dir so geht.Mit Veränderungen kann ich auch nicht gut umgehen und mag sie nicht besonderes.Die Jungs sind bei mir noch zu Hause,aber ich fühle mich auch im Moment so,das ich mich frage wer bist du?Hilfe hatte ich auch nie von der Familie und wenn dann so eine Bevormundenen,in der Art du hast doch keine Ahnung,ich mache das mal.Oft wünsche ich mir,das die Jungs endlich auf eigenen Füßen stehen und für sich wohnen,doch wenn ich dann lese wie es dir geht,habe ich auch ein wenig Angst.Bin nämlich auch so eine Vollblutmutter wie du.Ich denke,ich freue mich trotzdem wenn ich irgendwann mal wider für mich bin,im Moment fungiere ich als Hotel Mama und alles bleibt an mir hängen.Wenn ich um Hilfe bitte,heißt es nur lapidar,ich arbeite doch.und was bitteschön mache ich? Doch egal,nun zu dir.Was kannst du machen?Ich würde sagen,nimm dir die Zeit zu trauern.Versuche dabei aber eher nach vorne zu schauen,sonst zieht es dich noch mehr runter.Jetzt hast du doch Zeit für deine Hobbys,gehe zum Sport ohne den Hintergrund zu Hause warten sie auf mich.Du hast doch noch deine Arbeit oder gehst du da auch eher hin weil du musst.Die Idee von deiner Therapeutin ist garnicht so schlecht zu schauen wer du bist und was du willst.Nehme dir doch mal eine Auszeit,vielleiht ein Wochenende oder zu mindestens einen freien Tag.Fahre weg,schalte Handy und Laptop aus,setze dich in Ruhe irgendwo hin.Dann nimm einen Zettel und Stift und mache eine Liste,wo stehe ich,was will ich,was stört mich,was will ich ändern und wie könnte es in der Praxis aussehen.Diese Art hat mir schon mal geholfen.Ich habe sie aus dem Buch von Heike Malisic "Leben mit allen Sinnen".
    So nun habe ich dich genug voll "gelabert".Ich wünsche dir ganz viel Kraft und Mut für Veränderung.
    Habe einen schönen Tag und liebe Grüße Pippi

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  3. Du Liebe,

    immer wieder einmal lese ich bei dir rein. Ich bin noch in einer anderen Welt. Ich habe große Kinder (14 der Älteste) und kleine Kinder (6 Monate der Jüngste) und alles dazwischen. Ich bin zuhause und kümmere mich ausschließlich um meine große Familie. Viel mehr Raum für etwas anderes bleibt nicht. Ich habe meinen Mann und einige Weggefährtinnen, mit denen ich mich austauschen kann. Vielleicht auch mal auf einen Kaffee. Aber da wir als Großfamilie so anders als andere sind, sind wir oft auch außen vor. Man hat Berührungsängste immer und überall. Das ist manchmal ganz schön anstrengend, aber ich fühle mich dennoch wohl hier zuhause.

    Aber was kommt später? Das frage ich mich oft. Und wenn ich dich so lese, dann stelle ich mir die Frage nochmal mehr.

    Es tut mir sehr leid, wie deine Eltern und Schwiegereltern sich verhalten haben. Wir können immer mal wieder auf meinen Eltern zurück greifen, aber das war es dann auch. Ich bin froh und dankbar, aber es gibt auch andere Seiten, die mich traurig machen und wo ich entsetzt bin.

    Wo bin ich und wer bin ich? Die Frage, die wird auch mich treffen.

    Vielleicht steigt man einfach mal aus? Ich stelle mir das für mich so vor. Ein paar Tage ans Meer, in Ruhe den Naturgewalten ausgesetzt um mir klar zu werden, wohin es gehen wird.

    Ich wünsche dir, das du das auch bald vor Augen hast.

    Liebe Grüße und viel Kraft
    Andrea

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  4. Danke euch allen dreien für eure Kommentare. Es ist wirklich schön, dass ihr meine Gedanken und Gefühle nachvollziehen könnt. Einige andere, mit denen ich versucht habe, zu sprechen, ziehen das eher ins Komische, nach dem Motto: Hey, sei doch froh, ich würde 'ne Party machen... Klar, gab es auch immer mal Situationen, in denen ich gedacht habe, ich hätte jetzt einfach mal mehr Zeit für mich. Aber das Gefühl, das in einem aufkommt, wenn es soweit ist, ist - zumindest bei mir - sehr schmerzhaft. Es würde mich interessieren, wie andere das erlebt haben, aber in meinem direkten Umfeld gibt keiner zu, dass er traurig war. Es ist eine neue Lebensphase, definitiv, genauso neu und ungewohnt wie es ist, wenn man mit seinem erstgeborenen Baby heimkommt und sich erstmal neu organisieren muss. Ein paar Tage am Meer wären herrlich, aber das muss wohl bis nächstes Jahr warten.
    Zum Glück gehe ich wenigstens ein paar Stunden am Tag arbeiten, da bin ich abgelenkt und das ist gut.
    LG Eva

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  5. Liebe Eva,
    Du bist komplett, warst Du immer. Du musst es nur wieder sehen, wieder herausfinden. Dazu hast Du jetzt wieder mehr Zeit. Jede Zeit hat Ihre schönen Seiten. Nun darfst Du Dich zurück lehnen und Deine Mädels beobachten und Dich freuen, wie sie ihren Weg gehen. Und mit etwass Aufmerksamkeit wirst Du auch Deinen finden, da bin ich mir ganz sicher. Ich hab damals mit dem Bloggen angefangen, als meine Tochter ausgezogen ist (der Sohn ging ja schon früher). Das hat meine Zeit gefüllt, war mir Hobby und hat mir auch manches über mich gelehrt. Das machst Du ja schon. Vielleicht tut sich für Dich ja ein neues Hobby auf, oder eine Gruppe Menschen, denen Du Dich anschließen möchtest, weil sie ähnlich schwingen wie Du. Ich wünsch Dir das sehr.
    Ich hab es übrigens immer als große Erleichterung empfunden, weit von meinen Eltern und Schwiegereltern weg zu wohnen. Die Einmischung hätte die Fürsorge nicht aufgewogen. Dass die Kinder meiner Schwester meinen Eltern vertrauter sind, stört mich nicht. Meine konnten sich ohne diesen familiären Einfluß freier und unbeschwerter entwickeln (ich auch :-)).
    Lieben Gruß
    Sabine

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  6. Liebe Eva,
    mir geht es ähnlich wie Sabine. Wir sind mit den Kindern irgendwann aus dem Heimatort weggezogen und waren dann auf uns allein gestellt. Aber es hat sich keiner in die Erziehung eingemischt. Du kannst stolz sein auf deine Kinder.

    LG Sabine

    www.blingblingover50.de

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  7. Liebe Eva,
    mir geht es ähnlich wie Sabine. Wir sind mit den Kindern irgendwann aus dem Heimatort weggezogen und waren dann auf uns allein gestellt. Aber es hat sich keiner in die Erziehung eingemischt. Du kannst stolz sein auf deine Kinder.

    LG Sabine

    www.blingblingover50.de

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  8. Meine Eltern leben im gleichen Ort wie mein Bruder mit Familie und diese Enkelkinder sehen sie täglich. Sie kümmern sich auch um sie, weil meine Schwägerin voll berufstätig ist und das mit der Kinderbetreuung nicht wirklich hinhaut. Sie ruft und mein Vater springt, weil er schon in Rente ist, kann er das auch. Anfangs war ich etwas angefressen. Meine Kinder bekommen schon noch sehr viel Aufmerksamkeit von meinen Eltern, aber mit den Kindern von meinem Bruder ist es ganz anders. Sie ziehen sie quasi mit auf.

    Und dann kam mir folgender Gedanke: Du hast das mit Deinen Kindern ganz alleine gemacht. Du konntest deshalb "nur" halbtags arbeiten gehen ( was ich gerne gemacht habe ) und Du hast NIE Hilfe von außen benötigt. Und das hat mich stolz gemacht!! Und ohne meinem Bruder jetzt Unrecht tun zu wollen. Meine Kinder sind selbständiger und nicht so verzogen wie mein Neffe und meine Nichte. Klar, Großeltern "erziehen" ganz anders.

    Ich finde Du solltest das auch so sehen und die Sache einfach abhaken. Alles ist so viele Jahre her. Und wenn sich die Großeltern damals nicht interessiert haben, müssen sie das heute auch nicht mehr. Ich denke, Deine Mädels kennen es ja auch nicht anders ;)

    LG

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