Freitag, 9. August 2013

Erkenntnis

Hier treffe ich auf alle möglichen Typen von Menschen. In allen erdenklichen Altersstufen. Es ergeben sich immer wieder sehr interessante Gespräche, die mich zum Nachdenken bringen. Auch die erste Kontaktaufnahme mit Fremden ist hier für mich ausgesprochen interessant. Hier ist täglich ein Kommen und Gehen, es ist ein eher kleines Haus mit einer recht übersichtlichen Menschenanzahl. Wenn nun eine "Neue" oder ein "Neuer" ankommt, gibt es Leute, die mich näher interessieren, andere wiederum überhaupt nicht. Gemeinsam haben sie alle diesen scheuen "ersten Tag Blick", den ich auch hatte, als ich hier angekommen bin. Jedenfalls haben den die meisten zumindest die erste Stunde.

Was macht nun einen Menschen aus, der mich näher interessiert bzw. den ich überhaupt näher kennenlernen möchte? Das ist eine wirklich interessante und auch sehr persönliche Frage. Ich will mal ganz ehrlich sein, auch wenn ich weiß, dass ich damit nicht unbedingt im Mainstream liege.

Ich habe festgestellt, dass mich das Alter eines Neuankömmlings überhaupt nicht interessiert, es tut bei mir nichts zur Sache. Wohl aber der erste Gesamteindruck, ob die/derjenige Blickkontakt sucht und ein freundliches Lächeln für mich übrig hat. Das ist nämlich bei weitem nicht bei allen so! Manche lassen sich vom Arzt durch die Klinik "führen" und gucken dabei nicht mal hoch. Auch wenn man sie später auf der Treppe trifft oder auf dem Weg zum Speisesaal, nichts, kein Hallo. Peep, Daumen runter. Eine gewisse Grundhöflichkeit setze ich einfach voraus. (Übrigens sind genau diese "Schweiger" sehr oft die, die nachher im Aufenthaltsraum eine grosse Klappe haben, aber ein Guten Morgen kriegen sie nicht raus.).

Und da sind wir schon beim zweiten Punkt: "Aufschneider, Wichtigmacher, Sich-in-den -Mittelpunktspieler" - Peep - uninteressant für mich. Keinerlei Interesse, diesen Ausführungen länger zuzuhören. Zumindest hier hat jeder einzelne eine (seine) Geschichte und ich halte es für mega unangebracht, die anderen dauernd damit zuzutexten. Es ist was anderes, wenn man mit jemand spazieren geht und sich dabei unterhält. Aber diese "One Man" oder "One Woman" - Shows finde ich einfach nur ätzend.

Außerdem gibt es die "Lonely Hearts" auf der Suche. Noch nicht richtig hier, werden sämtliche weibliche Personen von oben bis unten abgescannt und je nachdem sofort angequatscht. Manche Damen sind hierfür sehr zugänglich, ich gehöre nicht dazu - drittes dickes Peep.

Und dann - leider wahr - spielt bei mir auch das äußere Erscheinungsbild eine Rolle. Damit meine ich jetzt nicht Mr. oder Mrs. Universe, aaaaber: die Fraktion barfuß in Gesundheitstretern mit Füssen, die aussehen wie aus dem Mittelalter oder noch schlimmer mit Socken bis zur Wade (Männlein wie Weiblein) oder mit Hawaihemden von vor 20 Jahren oder aufgedruckten Mini-Elefanten (kein Witz!) oder auch aufgestylt bis zum Stehkragen, als ob mein gleich in die Disco ginge - das vierte dicke Peep.

Jetzt könnte man meinen, da bleibt nicht viel übrig. Tja, viel ist es in der Tat nicht. Aber ein paar, eine Handvoll, die sind einfach super (für mich). So sitzen an meinem Tisch zum Beispiel zwei Damen. Die eine ist sehr gebildet, sehr belesen, sehr interessiert an allen möglichen Themen und für mich ein Highlight, denn diese Dame ist 74 Jahre alt. Als ich ihr Alter hörte, konnte ich es allerdings nicht glauben. Sie sieht absolut toll aus, eine zierliche, hübsche Frau, ich hätte sie 20 Jahre jünger geschätzt. Sie ist freundlich zu allen, sehr eloquent und auch noch fürsorglich. Ich schätze sie und ihre Art sehr ,und sie nimmt mir auf jeden Fall ein grosses Stück meiner Angst vor dem Alter. Sie macht Yoga, geht walken, achtet auf ihr Äußeres, ist sehr familienbezogen und ist für mich ein wunderbares Vorbild. Dabei komplett natürlich, nicht irgendwie angestrengt oder verbogen.

Die andere ist etwas älter als ich, sehr schlank und gut aussehend und auch ausgesprochen freundlich. Warum ich das schreibe? Weil ich mir natürlich überlege, wie ich gerne sein möchte und was ich verkörpern möchte. Es gibt hier etliche weibliche Stockfische, unfreundlich und ruppig wirkend, die meckern an allem und jedem rum, am Essen, am Wetter, an was weiss ich was. Dabei wirken viele von denen sehr arrogant und selbstverliebt. Ich finde sie einfach nur unsympathisch. So möchte ich nicht sein. Auch bei den Herren der Schöpfung sind ein paar dabei, die es gar nicht verstehen können, warum nicht mindestens 90 % aller Frauen unter 40 bei Ihnen Schlange stehen, sie halten sich doch für so toll....

Was ich draus gelernt habe (bzw. was mir klar geworden ist): Ich möchte freundlich und höflich sein, nicht weil ich muss, sondern weil ich will. Ich möchte hübsch und gepflegt aussehen und auch etwas dafür tun. Auch einfach nur, weil ich das so möchte. Das heißt mich gesund ernähren, Sport treiben, auch mal die Seele baumeln lassen, und auch  zu meinem Frau-Sein stehen. Dazu gehört auch die Liebe zu schönen Kleidern, Schuhen und Make Up (wie gesagt, ich spreche für mich). Deswegen bin ich kein schlechterer oder oberflächlicherer Mensch. Ganz im Gegenteil. Allein für diese Erkenntnis hat sich der Aufenthalt hier gelohnt, denn bisher habe ich doch sehr an mir und meinen "Bedürfnissen" und "Interessen" gezweifelt. Und natürlich (ganz wichtig) ist mir die Geisteshaltung und die Bildung wichtig, das heisst ich lechze direkt nach guten Gesprächen, nach vielen vielen Büchern, nach Kultur, nach Natur (das habe ich in letzter Zeit komplett verdrängt), auch wenn ich mich nicht mit der Masse der Leute identifizieren kann. Na und? Vollkommen egal. Ich bin ich und es gibt tatsächlich noch mehr von dieser Spezies. Menschen, die sich freuen, wenn sie einen Regenbogen im Wasserstrahl des Springbrunnens sehen, die sich unter dem Blätterdach der dicken alten Bäume wohl und geborgen fühlen, denen eine Entenfamilie mit Küken ein Lächeln ins Gesicht zaubert und und und.

Ich kann und muss mich nicht mit allen verstehen. Am wichtigsten ist es, dass ich mich "mit mir" verstehe.
Mit allen meinen Eigenheiten. Genau die machen mich nämlich aus.


Kommentare:

  1. Liebe Eva,

    ich freue mich über deinen Kurerfolg.
    Du bist ein zufriedener und ausgeglichener
    Mensch.

    Einen guten Abend wünscht dir
    Elisabeth

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  2. Liebe Eva,
    ich freu mich sehr über Deine Erkenntnis, vor allem über den letzten Abschnitt. Endlich, endlich hast Du in Dir eine gute Freundin gefunden. Bleib, wie Du bist!
    Lieben Gruss und weiter noch schöne Tage dort!
    Sabine

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  3. ja, du mußt dich mit DIR verstehen und vor allen dingen das alter auch akzeptieren.

    wie du im alter mit dir umgehst, das kommt immer auf einen selber an. manche werden tatsächlich zu matronen, aber das muß nicht sein, wie du selbst an deiner
    freundin siehst.

    da gibt es einen satz von shakespeare, den habe ich jetzt als sprichwort auf meinem blg.

    Unsere Körper sind unsere Gärten – unsere Willen sind unsere Gärtner. – William Shakespeare

    das gefällt mir und wie man mit seinem körper umgeht, das kommt auf einen selbst an.

    lg eva

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  4. Hallo Eva,
    das klingt wirklich gut.Ich wünsche dir, dass du ganz viel neu Eva mit nach Hause nehmen kannst.

    Grüße! N.

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  5. Hallo liebe Eva,

    na endlich ist der Groschen gefallen ;)
    Ich finde es so schön, dass du dort zur Ruhe kommst und nachdenken und beobachten kannst und so langsam ein Puzzle nach dem anderen zusammenfügst. Mach weiter so.

    Zweifel nicht so sehr an dir selbst und wie oder was du bist.
    Du bist ein wunderbarer und liebenswerter Mensch. Krieg das endlich in dein Kopp rein! :))))))

    Viele liebe Grüße
    Dana :)

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  6. Liebe Eva, spät aber doch. Endlich erkannt! Es ist dein Leben und du musst glücklich sein! Was die anderen über dich denken muss dir egal sein. Und die, die dich mögen wie du bist erkennst du, auf die anderen kannst du verzichten. Aber Achtung, da gibt es nicht viele. LG Kerstin

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Über nette Kommentare freue ich mich: