Dienstag, 20. November 2012

Antiquarisches Schätzchen

Ich habe ein Lieblingsbuch, das mich schon das ganze Leben lang begleitet und das mir immer wieder sehr viel Freude bereitet. Es ist ein mir weitervermachtes Buch meiner Großmutter Hedwig (leider mit über 90 Jahren verstorben), das sie selbst als junges Mädchen bekommen hat. Ich habe es schon im jugendlichen Alter von ihr weitergereicht bekommen und ganz ehrlich,  ich habe schon einiges daraus lernen können.

Praktisches Rezeptbuch
Carl Ehlers Verlag, Konstanz am Bodensee
um die 1930 







Geschrieben in altdeutscher Schrift, mittlerweile mit allerlei Gebrauchsspuren, ein allumfassendes Werk  über Hauswirtschaft, Kochkunst, Ernährungskunde und neuzeitliche (!) Volksheilkunde. Ich liebe dieses Buch und wenn mein Haus abbrennen würde, wäre es bei den Dingen dabei, die ich retten würde.

Mich hat schon immer das Frauenbild und die gesellschaftliche Stellung der Frau im Wandel der Zeiten interessiert und fasziniert. Interessanterweise wurde die Frau, auch - oder gerade - die Hausfrau trotz zahlreicher Pflichten um die 1930 sehr wertgeschätzt. Einerseits hatte sie eine dienstleistende Funktion und der komplette Haushalt sowie die Kinder-Erziehung unterlagen ihrer alleinigen Verantwortung - aber diese Tätigkeiten waren angesehen. Sowohl in der Gesellschaft als auch daheim in der Familie. Die Mutter als Fels in der Brandung, respektiert und geachtet. Die Familie an sich hatte damals natürlich auch noch einen viel höheren Stellenwert als heute, wenn eine Frau "nur" ein Kind hatte, war sie weniger angesehen, als eine die gleich mal vier oder mehr ins Leben entlassen hat. Die Frauen damals mußten kochen können (richtig kochen), sich mit Wäschepflege auskennen, (nix Schonwaschgang), handarbeiten, nähen, flicken, Gemüse selbst anbauen können, Blumen ziehen können, die grundlegenden Dinge in der Alten- und Krankenpflege kennen, sie waren selbstverständlich sparsam und kamen mit dem Geld zurecht.  Den ganzen Tag über war sie sozusagen die "Herrin im Haus", erst abends, wenn der Gatte nach Hause kam, war sie liebenswürdige Ehefrau, die sich ganz selbstverständlich in der Familienhierarchie "unter" ihm einordnete. Inwieweit wir das alles heute noch so praktizieren könnten ist mehr als fraglich, interessant wäre es sicher mal, so als Experiment. Jedenfalls waren es tüchtige und trotz allem sehr selbständige Frauen, denn ein fröhliches "kannst du mir mal beim Abwasch helfen" kam damals gar nicht erst in Frage. Sie haben das alles als ihre natürliche Aufgabe angesehen und auch locker erledigt.

Was mich nun außer an den Rezept-Zusammenstellungen und den zahlreichen Spar-Tipps (die mich oft schmunzeln lassen) sehr fasziniert, sind die "Frauenthemen", die sich gar nicht so sehr verändert haben wir man meinen könnte. Schaut mal selbst:


Sport, damals genannt "zweckmäßige Leibesübungen in Stadt und Land"!




Ergonomisches Arbeiten, sozusagen die "Rückenschule" von damals. Hat sich nicht allzuviel dran geändert (gut, außer am Waschzuber). Aber man beachte die Haltung, das gilt heute auch noch!




Gesunde Ernährung war auch ein wichtiges Thema. Vegan gab es schon immer, nur wußten wir es da noch nicht. Man beachte die nette Grüppchen-Bildung. 


Ha, und die Mode. "Strick ist Schick" ist das aktuelle Wochenthema von Shopping Queen auf Vox. Wußten die Damen damals auch schon... Alles nix Neues.

(Aber dass es heutzutage Haarfarben gibt, finde ich gut. Damals war man oft schon ab Mitte 30 grau).



Und natürlich der nette kleine Luxus, der darf auch nicht fehlen. Dessous wurden selbst gestrickt!!! Sogar "Büstenhalter". Ist das zu fassen??  (Das kratzt doch, oder??)

Und bevor die Dame von Welt sich mit dem wunderhübschesten dieser Erd Bettjäckchen zur Nacht begab, hat man sich nochmals ausgiebig im Spiegel angelächelt (Selbstmeditation: Ich bin schön, ich bin toll, ich liebe mich. Wir geben heutzutage unter Umständen eine Menge Geld für Motivationsbücher aus, tja, das brauchten die Mädels von damals nicht).



Na, was sagt ihr? Alles schon mal dagewesen. 

Aber eins haben wir total vergessen: 



Abendessen daheim im kleinen Schwarzen! Also Mädels, heute abend, wenn der Göttergatte/ oder Freund heimkommt, dann präsentieren wir uns mal alle so. Das wäre doch was!! Und dann noch mit Strick BH. Die würden gucken!!

Also, wie gesagt, ich liebe dieses Buch!!

To be continued...





Kommentare:

  1. Das Buch klingt wirklich interessant und toll! Und irgendwie erinnert mich dein Post an eine Arbeit die ich an der Uni mal machen musste, alles was in einer Zeitung zwischen 1919 und 1922 über Frauen berichtet wurde, Werbung, und alles mögliche! War auch sehr interessant, nur in Kurrentschrift, das ist erst schwer zu lesen hehe

    Ich finde übrigens das Buch 1000 praktische Tipps für die Hausfrau auch ganz toll ;-)

    LG, Susi

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  2. Ich liebe solche alten Bücher! So ein Schätzchen hätte ich auch gerne!
    Der Strick-BH ist der Brüller - das kleine Schwarze werde ich mir heute abend trotzdem verkneifen...
    LG

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  3. Deine Großmutter hieß Hedwig? Meine auch (die Damenmaßschneiderin, bei der ich groß geworden bin)! Und ihr Kochbuch habe ich auch noch.

    Ich bin schon froh über die Erfindung der Waschmaschine und darüber, dass ich das alles zwar kann, aber nicht muss. Dies Ausschließlichkeit, Frau sein zu müssen, schränkte doch sehr ein. Heute haben wir andere Zwänge, ja. Aber auch die Wahl.

    Grüße! N.

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  4. hallo eva,
    das buch regt tatsächlich zum vergleichen an. vor jahren kam mal eine serie im fernsehen, die das leben auf einem gutshof um die jahrhundertwende zum thema hatte. war interessant, aber ich war und bin froh heute zu leben. in die dienende rolle kann ich mich nicht hineindenken.
    unser familienkochbuch hütet noch meine mama, interessant darin, es gibt sogar ein rezept für schwan. möcht ich nicht auf dem tisch haben!
    haarfarbe gabs übrigens schon bei den ägyptern zur zeit der pharaonen - ich hab ein altes frisurenbuch (der opa war friseur). also wer grau trug, wollte es wahrscheinlich so. strahlt ja auch eine gewisse würde aus.
    wenn du das kleine schwarze - mit der häkelunterwäsche - trägst, würde ich das gerne sehen!
    lieben gruß von sabine

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    1. Schwan? Ach du lieber Gott, nein danke. Obwohl, ist bestimmt auch nicht wesentlich anders wie Ente, oder? Naja, ich bräuchte das auch nicht, dann lieber Gemüseplatte. In dem Buch sind aber "Rezepte für Frauen, die sehr sparen müssen". Das ist zum Beispiel Kartoffel-Suppe ohne Fett.
      Ein altes Frisuren-Buch? Toll! Zeig doch mal ein paar Bilder, ich liebe diese alten Bücher.
      Also, mein heutiges Abend-Outfit ist eine Jeans und ein grauer Pulli (schade eigentlich), aber ich habe leider keinen Häkel BH...
      LG Eva

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    2. Was mir heute extrem fehlen würde, wäre übrigens die Heizung. Früher gab es Kohleheizung oder Ölofen. Da war es ungefähr den halben Meter davor warm, der Rest der Wohnung war eiskalt. Das weiß ich noch. Man saß mit einer Decke auf dem Sofa. Nee, das mag ich nicht...

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  5. Ja. Hedwig. Ich bin bis zum Grundschulalter täglich von ihr betreut worden, war wie ein eigenes Kind für sie. Ich habe noch recht viel vom damaligen Leben mitgekriegt, vom Böden bohnern, vom Ameisen bekämpfen und dass man um 11 Uhr vormittags anfängt zu kochen. Aber auch von den Hierarchien. Der Mann war der uneingeschränkte "Chef", obwohl die Frauen die eigentlichen Fäden gezogen haben und absolut stark und selbständig waren. Der Opa war sozusagen unangreifbar. Was er sagte, war Gesetz. Er wurde bedient, bekocht und versorgt. Er repräsentierte die Familie. Allerdings war er ein sehr liebenswerter Mann. Tja, die Zeiten ändern sich. Aber manches ändert sich gar nicht so sehr.
    Schön, dass du wieder da bist.
    LG Eva

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