Sonntag, 8. Juli 2012

Entlassung ins Arbeitsleben

Heute habe ich meine (unsere) Erstgeborene in ihr 3monatiges Praktikum nach Nordrhein-Westfalen verabschiedet. Ab morgen wird sie dort als Pflegepraktikantin in einem Klinikum arbeiten. Ich habe sie sozusagen ins richtige Leben entlassen. Die ersten 2 Wochen wird sie dort bleiben, um sich erstmal einzugewöhnen. Und danach kommt sie auch nur sporadisch am Wochenende heim. Bei diesen Benzin- und (leider) auch Bahnpreisen, geht leider nicht jedes Wochenende, es ist einfach zu weit.

Das war heute ein eigenartiger Moment. Ich hatte mir wirklich vorgenommen, nicht zu weinen. Ich will es ihr ja auch nicht schwerer als nötig machen. Aber ich konnte die Tränen nicht zurückhalten. Das heute war für sie nun wirklich der erste endgültige Schritt in die Selbständigkeit. Sie ist nun für sich selbst verantwortlich. Keine Mama als schützender Schirm obendrüber. Es fühlt sich einfach schlecht an. Sie ist weg. Und ich frage mich natürlich, ob ich auch wirklich alles getan habe, sie zu einem starken Menschen zu machen, der sich '"da draußen in der Realität" behaupten kann. Und es gehen einem soviele andere wichtige Momente durch den Kopf: der erste Kindergartentag, der letzte Kindergartentag, Schulbeginn, die ersten Schüleraustausche, der Führerschein usw. usw. Sie auf meinem Schoß beim Zahnarzt, das erste Mal alleine die Rutsche runter, usw. Ich konnte gar nichts dafür, diese Erinnerungen schoßen einfach so durch meinen Kopf. Und nun der Start ins Arbeitsleben. Versteht mich nicht falsch. Ich weiß, daß es richtig und gut so ist. Und dass ich stolz auf sie sein kann. Und natürlich wünsche ich ihr alles Glück der Welt und würde sie nicht bis sie 70 ist, daheim halten wollen. Aber es tut verdammt weh. Das können bestimmt alle Mütter bestätigen, die das schon hinter sich haben. Ich weiß auch, dass sie wiederkommt. Aber es ist eben anders.

Ich kann mich noch erinnern, dass bei Schulbeginn vor dreizehn Jahren ein bestimmtes Bilderbuch ganz hoch im Kurs bei manchen Müttern stand: "Der Ernst des Lebens". Wir hatten es auch. Ganz nette Geschichte. Aber wirklich passend fand ich das damals gar nicht. Heute wäre es passender gewesen.

Kürzlich habe ich meine Tochter gefragt, ob es ihr auch wirklich klar ist, dass man auf keinen Fall mit elektrischen Geräten im Wasser hantieren sollte, also nicht baden und föhnen, da hat sie nur gelacht und gemeint: "Ach Mama..." Ich hoffe einfach, dass ich ihr alles mitgegeben habe, was man fürs Leben so wissen muss.

Nachdem der Mittag dann ziemlich trübselig war, ich vor mich hinschniefen musste und mich irgendwie gar nicht ablenken konnte, habe ich mir das jüngste Töchterlein geschnappt und war mit ihr eine Runde walken. Es tut zwar immer noch weh, aber die Walkerei hat wirklich geholfen. Ich versuche, das alles mit mehr Vernunft zu sehen.  Wird schon werden. Wir haben es ja auch hingekriegt. Und bei mir hat sich kein Mensch solche Gedanken gemacht.

Es kann auch sein, dass ich noch besonders intensiv reagiere, weil ich schon öfters im Leben diese Erfahrung des "Verlassen Werdens" machen musste. Ganz früh mit meiner Mutter, die arbeiten ging und mich als ganz kleines Kind bei der Oma abgeladen hat (die ich sehr geliebt habe, aber es war halt nicht die Mama). Später, als ich größer war, hat sie mich tagsüber allein gelassen.  Meine Eltern haben keinerlei Rücksicht genommen. Egal, ob ich geheult oder getobt habe, sie sind halt trotzdem gegangen. Auch abends ausgegangen. Und ich hatte Panik allein. Egal. Später hat sich das mit meinem Mann wiederholt. Er hat zwar nicht mich verlassen, aber uns als kleine Familie immer wieder allein gelassen, weil er in der Weltgeschichte rumreisen musste. Beruflich zwar, aber ich fand das schrecklich. Diese Gefühl der Zurückbleibens, des Wartens, dieses Passiv Sein und nichts ändern können, obwohl man es ganz anders haben wollte, das hasse ich einfach. Wenn man selber weggeht ist das ganz anders. Das ist aktiv. Das hatte ich aber noch nie. Ich bin immer der wartende Part, der dableiben muss.

So, jetzt werde ich mal überlegen, wie ich das alles möglichst gut auf die Reihe kriege. Walken tut mir definitiv gut. Morgen gleich wieder.


Kommentare:

  1. Ich drück dich einfach mal, liebe Eva!
    So sind wir Muttertiere halt - wehmütig bei jedem Meilenstein....

    Liebe Grüße
    Stephanie

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  2. Ja, ist halt mal wirklich so. Du hast ja noch was Kleines... So süß...
    LG Eva

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  3. So ist es immer: Man macht sich einen Kopf, ob Kinder in der großen weiten Welt zurechtkommen. Aber das tun sie!!! Auch wenn wir Mütter glauben sie schaffen das nicht. Sie schaffen das!! Wir haben ihnen alles mitgegeben, auch wenn wir das nicht glauben. Ich denke, dass ist ganz normal - unsere Gedanken und ihr Können. Aber ich kann dich verstehen, ich mahc mir die gleichen Gedanken Ich drück dich. LG Kerstin

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  4. Man weiß es. Wenn das Kind kaum geboren ist, weiß man: es wird mich verlassen, eines Tages. Du hast neunzehn Jahre Zeit das Kind und dich darauf vor zu bereiten. Und wenn es dann wirklich soweit ist, sitzt du heulend in der Ecke und bist einsam (beim zweiten übrigens ganz genau so, obwohl du meinst, du wüsstest ja nun, wie das geht).
    Es gibt da einen Liedtext von Tamara Danz (die einzig wahre Sängerin von Silly): Aus dem Song P.S.
    Vergiß nicht, Mutter,
    wenn du weinst:
    Du hast mich gut erzogen,
    und niemand kriegt
    und keiner kriegt
    mich einfach krumm gebogen.

    Man gewöhnt sich dran. Wenn die Kinder aus dem Haus gehen, steht alles erst mal Kopf. Wenn sie dann eine Weile weg sind, normalisiert sich das Leben wieder, aber es ist ein ganz anderes als vorher. Alles hat seine Zeit.

    Ich nutze den Umbruch jetzt einfach (ok, nicht einfach), um selber noch mal was ganz Neues zu machen. Und fühle mich plötzlich, als wäre ich zwanzig Jahre jünger. Lebe deine Trauer - und wenn sie vorbei geht, dann mach was eigenes - auch wenn du im Moment sicher gar nicht sehen kannst, was das sein könnte. Wir sprechen uns in fünf Jahren noch mal. :)

    Grüße! N.

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  5. Meine beiden sind ja erst 13 und 10 und somit haben wir noch ein paar Jährchen zusammen. Aber ich kann mir gut vorstellen, wie Du Dich jetzt fühlst. Man muss halt loslassen und das ist verdammt schwierig. Aber Du schaffst das!

    LG

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  6. das kann ich gut verstehen, dass dir wehmütig zumute ist. da sind ein paar tränen doch erlaubt. die hab ich auch vergossen, als meine tochter ausgezogen ist, obwohl ich mich für sie gefreut hab, dass nun ihr eigenes leben beginnt, obwohl sie nur ein paar kilometer von mir entfernt wohnt, am anderen ende der stadt. inzwischen ist das 1 1/2 jahre her und ich hab mich daran gewöhnt, genieße die neue "freiheit" und ich bin sicher dir wird das auch so gehen, voll von ideen und tatendrang wie du ja bist.
    ich denke auch tief im innersten wissen wir, dass unsere mädels es schaffen werden, schließlich haben sie ja gute vorbilder, und können uns fragen, wenn's mal klemmt, wir sind ja nicht aus der welt.
    deshalb verlassen sie uns ja auch nicht wirklich, sie nehmen nur nicht mehr so intensiv an unserem leben teil. traurig macht das trotzdem, und darf es auch, war ja eine schöne zeit mit den kids.
    ganz lieben gruss von sabine

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  7. Ohje, davor fürchte ich mich auch schon. Gerade bei unserem großen pflegebedürftigen Sohn habe ich Sorgen, daß er ohne mich nicht richtig versorgt wird, aber auch die anderen Kinder ziehen lassen, macht mir jetzt schon Magenschmerzen.
    Liebe Grüße

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