Sonntag, 25. März 2012

Schlecht geschlafen, noch schlechter geträumt

Gestern war ein ganz schöner Tag. Wir waren im Garten, haben abends gegrillt, bissi DSDS geguckt und weil es nicht sehr spannend war, bin ich recht früh ins Bett (zwecks Zeitumstellung). Ich bin aber nur in so einen komischen Halbschlaf gekommen, hatte das Gefühl, dass ich extremes Herzklopfen hatte und habe mich gar nicht wohl gefühlt. Heute morgen direkt nach dem Aufstehen war mein Blutdruck viel höher als gewöhnlich und ich komme noch gar nicht richtig in der Realität an.

Ich habe geträumt, dass ich mit 10 Personen in eine sehr kleine, sehr beengte Wohnung ziehen musste, in ein völlig fremdes Dorf irgendwo weit weg und dass ich das überhaupt nicht wollte. Entgegenkommenderweise habe ich ein klitzekleines Zimmer mit einem anderen etwa gleichaltrigen Mädchen bekommen, dass ganz komisch drauf war. Sie hat mit einem Zollstock vermessen, ob ich meine Bettdecke auch ordentlich genug gemacht habe, der sehr beengte Raum wurde genau abgegrenzt und musste nach ihren Vorstellung eingerichtet werden. Ich musste um jedes Kleidungsstück, Buch und Dekoteil kämpfen. Mir wurden großen Müllsäcke zur Verfügung gestellt und ich musste alle meine Habseligkeiten vor versammelter Mannschaft aussortieren, mit entsprechenden anfälligen Kommentaren. Übrig geblieben ist ganz wenig. Die vollen Müllsäcke sollte ich zu einem Container bringen und wurde mitsamt den Tüten vor die Tür bugsiert. Da stand ich nun und hatte keine Ahnung, wohin. Außerdem lief mir die Zeit weg, weil ich zu einer Schule sollte, von der ich nicht wußte, wo sie ist. Es war der pure Horror! Ich bin irgendwie losgelaufen, habe mich natürlich verlaufen und konnte meine Schule nicht pünktlich finden. Das ist mal so der grobe Ablauf des Traumes.

Wie ich da drauf komme, weiß ich wirklich nicht, aber mir kam das Gefühl so bekannt und real vor. Ich musste ja vor vielen Jahren mit meinen damals kleinen Töchtern (5 und 2 Jahre alt) einmal quer durch die Republik ziehen. Weil mein Mann in Nordrhein-Westfalen eine gute Stelle bekommen hatte. Rein ins Auto, 8 1/2 Stunden Fahrt und plumps, schon ist man da in einer komplett neuen Welt. Ich fühlte mich wie mit unsichtbarer Hand aus meinem bisher vertrauten Leben herausgehoben und in eine neue Wirklichkeit gesetzt. Wie mit einem Kran. Man wird zum Betrachter, zum Zuschauer. Es gibt natürlich auch dort Familien mit Kindern, die lachen, spielen, feiern und die einen nicht kennen. Die Mütter vor dem Kindergarten, die sich seit der Krabbelgruppe kannten, die sich unterhielten, wenn man auf die Kinder gewartet hat, ich habe das betrachtet wie in einem Film. Klar habe ich "Hallo" gesagt und wir sind die "Neuen", es kam ein "Hallo" zurück und das war's erstmal. Selbst die Wurstsorten beim Metzger hatten andere Namen, es war alles so fremd. Aus dem Telefonbuch wurde ein Kinderarzt ausgesucht, abends vorher mal hingefahren, dass ich ihn auch wirklich finde am nächsten Tag (Navis waren da noch nicht verbreitet). Parkmöglichkeiten gecheckt, Apotheke schon mal gesucht. Sonst wäre ich hoffnungslos verloren gewesen. Wenn ich zum Einkaufen wollte, hatte ich einen Zettel auf dem Beifahrersitz liegen: Rechts abbiegen, an Tankstelle links usw.
Ich habe mich gefühlt wie auf dem Mond.
Natürlich bin ich auf die Leute zugegangen, habe fremde Kinder eingeladen, habe mich mit meinen beiden beim Kinderturnen und Kindermalkurs angemeldet, wir haben uns im Kindergarten engagiert, aber dazugehört haben wir lange nicht. Das bringt nunmal erst die Zeit mit sich. Und das dauert. Solange ist man zum Schauen und Zuhören gezwungen. Innerlich schreit aber alles in einem. Ich stelle mir das wie bei einem Wachkoma-Patienten vor: Er kriegt zwar um sich rum alles mit, ist aber unfähig wirklich dran teilzunehmen.

Es ist ein Gefühl der absoluten Hilflosigkeit. Man kann Vertrautheit und Heimatgefühl einfach nicht beschleunigen. Dieser Schmerz über den Verlust des bisherigen Lebens, dieses innerliche "Ich will das nicht, was tu ich hier", diese Verzweiflung, ich werde diese Gefühle nie wieder vergessen. Und gleichzeitig die Verantwortung für zwei kleine Lebewesen und der Wunsch, ein schönes "neues" Zuhause zu schaffen, es war schlimm. Ich war so unglücklich und mußte doch funktionieren. Nach außen lieb lächeln, schaut her, wir sind auch nett, und innerlich weinen. Es war sehr sehr anstrengend. Unsere Wohnung dort war übrigens alles andere als klein, aber auch das hat mich nicht trösten können.

Wenn jemand neugierig auf was Neues ist und das gerne möchte, dann können solche Veränderungen eine Riesenchance und was Positives sein. Für mich war es das nicht. Ich saß mit meinen zwei Mädels im Garten und kam mir vor wie in einem Ghetto. Den Weg zum Ikea konnte ich mir ein halbes Jahr später noch nicht merken und habe immer doppelt solange gebraucht, bis ich ihn endlich gefunden hatte. Oder Dinge, die uns früher sehr viel Spaß gemacht haben, zum Beispiel der Sankt Martins-Umzug, alles war da anders.

Heute denke ich, es war ein Fehler, dorthin zu gehen. Ich wollte es nicht. Selbst eine Fernbeziehung wäre vermutlich erst einmal besser gewesen. Mir kommen heute nach dreizehn Jahren immer noch die Tränen, wenn ich dran denke. Ich hätte mich einfach nicht so fügen sollen. Vielleicht wäre ich später zu so einem einschneidenden Wechsel bereit gewesen. Vielleicht auch nicht. Für mich war der Preis zu hoch. Ich habe viel verloren. Und viel gelitten. Das hätte nicht sein müssen. Wir haben uns damals in unserem schwäbischen Dörfchen mit allen Freunden und Bekannten super wohl gefühlt. Ich kannte die Wege, die Schritte, nachts und im Dunkeln. Und vermutlich hätte sich über kurz oder lang auch noch eine andere berufliche Chance in der Nähe aufgetan.

Vorbei. Und doch verfolgt es mich vermutlich mein ganzes Leben. Ich bin gar nicht so ein Miesepeter. Ich bin auch durchaus interessiert an anderen Orten und Stellen der Welt. Aber immer mit dem sicheren Zuhause im Rücken.  Falls ihr je vor so einer Entscheidung stehen solltet, überlegt es euch gut. Ich würde es aus heutiger Sicht anders machen. Da bin ich mir sehr sicher. Immerhin hat mir das ganze gezeigt, was mir wirklich wichtig ist. Gut und Geld sicherlich nicht. Ist schön, aber völlig belanglos, wenn das Wichtigste fehlt: Ein sicheres Zuhause!

Kommentare:

  1. Liebe Eva,

    bei deinem Problem kann dir keiner helfen,
    und du kannst deine Einstellung nicht ändern.

    Die Menschen sind unterschiedlich.
    Mein Vater hat mit 88 Jahren den Umzug
    verkraftet, weil er bei seinen Kindern
    sein wollte.

    Viel Zuversicht wünscht dir
    Elisabeth

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  2. Hey ich hatte auch so komisches Herzklopfen im Bett und konnte nicht einschlafen. Vielleicht wieder starke Sonnenaktivitäten.

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    1. Vollmond war jedenfalls nicht. Was genau sind "Sonnenaktivitäten" bzw. was machen die beim Menschen? Ich hoffe heute sehr auf eine bessere Nacht, das gestern war heftig.
      LG Eva

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  3. Hallo Eva,

    Träume filtern unsere Erlebnisse. Man verarbeitet erlebtes.

    Träume an die man sich nicht wirklich erinnert sind unwichtig.

    An die man sich gut erinnert, können manchmal eine Bedeutung haben.

    Auch ich träume nach weit über 10 Jahren noch von der alten Wohnung,in die ich nicht wollte. Ich hätte mich mehr durchsetzen sollen und die Wohnung in dem Ort abzulenen.

    Wünsche dir eine tolle Woche,

    Liebe Grüße ,
    Martina

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Über nette Kommentare freue ich mich: