Dienstag, 13. Dezember 2011

Hommage an meine Großeltern

Als ganz kleines Kind war ich den ganzen Tag bei meinen Großeltern. Meine Mutter war  immer berufstätig, mein Vater natürlich auch, und so wurde ich schon früh bei meinen Großeltern geparkt. Ich bin sozusagen bei Ihnen aufgewachsen. Sie wohnten in einem von unserem Wohnort ca. 10 km entfernten Dörfchen. Ich wurde morgens ganz früh aus dem Bett in warme Decken gewickelt, später schon auch mal in einen Schneeanzug und dann zur Oma gefahren. Meine Mutter hat dort in der Nähe als Sekretärin gearbeitet. Die Autos waren damals bei weitem nicht so komfortabel wie heute und die Heizungen auch nicht, also wurde ich eingepackt wie ein Eskimo.

Ich habe meine Großeltern sehr geliebt. Und sie mich auch. Mein Opa war eigentlich ein sehr strenger Mann, aber bei mir war er einfach nur Opa. Er ist auf allen Vieren durch die Wohnung gekrabbelt und ich dufte "reiten", ich durfte auf sein heiliges Tonband singen und sprechen (es gab damals eine Kindersendung "Hase Cäsar", der hat immer "bitteschööööön" gesagt, das habe ich auch aufs Tonband gesprochen), und er hat viel mit mir gespielt. Mensch ärgere dich nicht, Mühle, Dame, Halma und allsowas. Ich kann mich kein einziges Mal dran erinnern, daß er mich je geschimpft hätte.

Tagsüber war ich also dort, es gab oft noch Abendbrot, und dann wurde ich wieder abgeholt und in die elterliche Wohnung verfrachtet. Das war oft begleitet von Tränen, denn ich wäre lieber gleich dageblieben. Um mir den "Abschied" zu erleichtern, hat mein Opa oft mit einer Taschenlampe am Fenster gestanden und Kreise geleuchtet und "geflackert", damit ich aufhöre zu weinen. Ich konnte das noch eine Zeitlang vom Auto aus sehen. Später bin ich auch im Dorf meiner Großeltern in den Kindergarten gegangen, denn bei mir "Zuhause" war ja keiner.

Meine Großeltern stammen gebürtig eigenlich aus NRW. Meine Oma aus Gelsenkirchen, mein Opa aus Bochum. Durch die Kriegswirren hat es sie auf die Schwäbische Alb verschlagen, wo sie bis zu ihrem Tode gelebt haben. Im Herzen waren es aber doch "Ruhrpottler", auch wenn sie sich in ihrer neuen Heimat gut eingelebt hatten.

Das zeigte sich an ganz vielen Dingen. Zunächst benutzte meine Oma Wörter, die sonst niemand kannte (ich natürlich schon, für mich waren die ja normal). Sie sagte zum Beispiel: "Hol mal deinen Nachtpolter" oder "zieh was Warmes an, dein Föttgen wird kalt". Außerdem gab es für sie nur guuuute Butter, nie Butter. Mir ist das erst sehr viel später aufgefallen und ab und zu kommen mir heute noch Worte in den Kopf, die ich danach nie wieder benutzt oder gehört habe.  So zum Beispiel der "Bullemann". Mit dem hat sie mir schon mal gedroht, wenn ich nicht gehorcht habe. Das ist auch "Ruhrpott-Sprache, das wußte ich aber nicht. Sie sagte auch "Pfannekuchen", nicht "Pfannkuchen". "Blaagen" waren Kinder, "Kusselkopp" heißt Purzelbaum und "Pulle" war ein Babyfläschchen.

Was sehr prägend für mich war, war ihre Kochweise. Sie hatte eine  große Küche mit einem großen Tisch, da saß ich oft und habe ihr beim Kochen zugeschaut. Ich konnte schon sehr früh viele Gerichte nachkochen, aber wußte natürlich  nichts von deren Herkunft. Das kam auch erst später. Denn die Schwaben kochen zwar ebenfalls gut, aber ganz anders. Und an den ratlosen Blicken habe ich oft gemerkt, daß sie gar nicht wissen, was ich meine. Heute ist das anders, klar, aber früher gab es weder Internet noch soviele Fernsehprogramme usw., da blieb das alles sehr viel regionaler.

Zum Beispiel meine heute immer noch geliebten dicken Bohnen mit Kartoffeln und Speck. Oder Grünkohl mit Mettendchen. Meine Oma konnte ein phänomenales Sauerkraut und auch Wirsing hat sie super gut gekocht. Es gab Püfferken, Heringsstipp und Kartoffelsalat mit Mayonnaise. Und ich war eins der wenigen Kinder, die das dunkle Pumpernickelbrot gerne gegessen haben. Mag ich heute immer noch. Allerdings erinnere ich mich auch an Königsberger Klopse. Kommen die nicht aus Königsberg? (Ich habs gegoogelt, also: die Zuwanderer im Ruhrpott, die dahin gegangen sind, um dort zu arbeiten, haben dieses Gericht mitgebracht und es zählt heute tatsächlich zu den typisch westfälischen Gerichten, also meine Erinnerung trügt mich nicht).  Westfalen ist ja auch Kartoffelregion, es gab viel mehr Kartoffelgerichte als später im Spätzleland. So ein typisches Kartoffelgericht  meiner Kindheit ist zum Beispiel Kartoffelstampf mit Karotten. Oder Reibeplätzchen.

Außerdem war fast täglich das Waffeleisen meiner Oma im Einsatz. Der Duft durchzog das ganze Haus. Oder es gab Streusel- oder Butterkuchen.  Und die Liebe zu ganz normalen Saitenwürstchen habe ich auch von ihr geerbt.

Wenn man mit ihr zum Essen in ein Lokal ging, hat sie erst lange die Speisekarte studiert und dann immer ein Schnitzel bestellt. Keine Überredungskünste halfen, sie wollte Schnitzel. Sie hat gerne gegessen, sich über ein "Pinnken" danach gefreut. Ein Glas Rotwein an Weihnachten war das höchste der Gefühle für sie.

Sie war eine einfache und sparsame, aber herzensgute Frau. Stets mit sich zufrieden und immer für ihren Mann und die Familie da. Sie hat noch Strümpfe gestopft und Risse geflickt und wenn ein Knopf gefehlt hat, wurde er sofort wieder drangenäht (ok, das mit dem Nähen habe ich nicht von ihr geerbt...). Unordentliche Kleidungsstücke konnte sie gar nicht leiden. "Das sieht schäbbig aus".

Sie wurde 92 Jahre alt und ist leider schon viele Jahre verstorben. Sie fehlt mir so. Ich muß in letzter Zeit wieder viel an sie denken, oft bei gewissen haushaltlichen Tätigkeiten, was sie wohl gesagt oder getan hätte oder in manchen Situationen. Manchmal träume ich sogar von ihr. Dabei hatten wir in den Jahren vor ihrem Tod gar nicht mehr so viel Kontakt wie früher, nur noch ab und zu. Sie war "tüddelig" , im Altenheim und hatte nichts mehr von ihrer Energie und Kraft von früher. Es hat mir weh getan, sie so zu sehen.

Aber jetzt, nach so vielen Jahren kommt mir das alles wieder in den Kopf. Ist doch eigenartig, oder? Oder liegt das an der Weihnachtszeit? Ich bilde mir manchmal ein, sie ist mit im Raum, mit ihrer wohlwollenden lieben Art.

Kommentare:

  1. Toll geschrieben.

    Ich glaube diese Gedanken liegen am eigenen Alter. Je älter man wird, desto mehr trauert man seiner Kindheit oder Jugend hinterher.

    Aber vielleicht liegt es doch an Weihnachten. ;)

    LG

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  2. Ich tippe auch auf Weihnachten. Man erinnert sich an so bestimmte Situationen und Eindrücke.

    Lustig... Bullemann ist hier.. äh... ein Popel!

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  3. Es ist sicher weil Weihnachten kommt/ist.
    Geht mir genauso.
    Meine Oma war Schneiderin, habe auch meine frühen Kinderjahre bei ihr verbracht, weil meine Mama arbeiten ging. Ich war dann in ihrer winzigen Werkstatt mit der Knopfschachtel beschäftigt, oder ich "nähte" auch etwas (ich tat nur so...)wenn sie dort werkte.

    Jetzt, als ich den Rock für mein Tochterkind nähte (guckst du auf meinem Blogg), hab ich an sie gedacht. Sie muß damals auch so in meinem heutigen Alter gewesen sein, als ich so 2-3 Jahre alt war (ja, meine Eltern waren sehr früh drann mit dem Kinderbekommen... und meine Oma auch *lach*)
    Also ich näh so und dann seh ich meine Hände und gleichzeitig ihre Hände.
    Das war auch irgendwie komisch.
    Aber eigentlich eine schöne Erinnerung.

    Es ist die Weihnachtszeit!
    Ganz bestimmt.
    *drücker*

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