Montag, 26. September 2011

Living in a box

Ich kenne jemand, der lebt in einer Box. In einer großen dunklen Schachtel. Groß genug zum Überleben, aber zu klein zum Leben. Da paßt sonst nix rein, kein Fünkchen Glück oder Liebe, das ist viel zu eng. Dieser jemand sitzt meistens in der Box und hört die Welt um sich herum. Er hört Stimmen und Musik und Lachen. Er ist sehr sensibel und bemerkt die leisesten Schwingungen. Manchmal steht die Box tagelang in einer Ecke und keiner kümmert sich darum. Manchmal wird sie hin- und hergeschoben, aber sie paßt nirgends wirklich hin. Sie war auch ab und zu schon mal versandfertig zugepackt, ready for take off, mach nen Abflug, dumme Box. Weit weg mit fernem unbekanntem Ziel. Verschwinde, wir wollen dich nicht.

Es gibt aber auch Zeiten, in den versehentlich ein kleiner Lichtstrahl durch die Ritzen hineinfällt. Dann wird der jemand unruhig, er macht sich Hoffnung und er traut sich ein kleines bißchen was. Er hebt ganz sachte den Deckel an. Erst kommt ein Stück Haarschopf heraus. Dann - ganz vorsichtig - die Augen. Erstmal gucken.  Kennt ihr die Fühler einer Schnecke? Die sie ganz vorsichtig ausstreckt, solange bis - ja bis sie an ein Hindernis stößt. Wupps, sind die Fühler wieder weg. Und genauso - wupps - sitzt mein Jemand wieder in der Box. Manchmal kommt ein Windstoß und klappt den Deckel wieder zu. Wupps, wieder weg.

Aber manchmal - ganz selten - traut sich mein Jemand ein kleines bißchen weiter heraus. So bis zu den Schultern. Niemals weiter, viel zu gefährlich. Aber manchmal hört er freundliche Stimmen und schöpft Hoffnung. Vielleicht gibt es doch noch mehr als eine dunkle Box zum Leben?  Noch ein Stückchen weiter die Nase raus ? Vielleicht doch sowas wie ein Freund ?

Träum weiter, dummer nutzloser Jemand. Nicht für dich. Für dich gibt es kein Licht, keine Liebe und keine freundlichen Stimmen. Was bildest du dir denn ein? Nein, da kommen Menschen, die dir sehr sehr nahestehen (nein dummer Jemand, dir steht niemand nahe). Also, da kommen Menschen die dir selbst sehr am Herzen liegen, die dir alles bedeuten, weil du sie zum Beispiel geboren hast oder weil sie dich vor vielen Jahren geheiratet haben. Und sie treten - wumms - den Deckel wieder zu. Rein in die Box, da gehörst du hin.
Du bist kein Jemand, du bist ein Niemand. Für dich gibt es keine Liebe. Also laß es. Streck dich nie wieder nach dem Licht. Du überlebst, das reicht doch, was willst du mehr? Deckel zu und Ruhe.

Hinter'm Horizont geht's weiter, ein neuer Tag.....

Kommentare:

  1. Liebe Eva!
    Sehr schöner, berührender Text.
    Hoffentlich bist das nicht du!
    Sonst mach ich mir echt Sorgen um dich!

    fühl dich gedrückt!
    Ganz besonders liebe Grüße
    Martina

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  2. Das liest sich ganz traurig. Wenn ich könnte, würde ich den Deckel wegnehmen, die Box ans sonnige Fenster stellen und auf den Jemand warten, der da rauskommt.

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