Donnerstag, 15. September 2011

Lebenszeichen

Also, erstmal möchte ich mich bei euch bedanken, daß ihr mich so lieb aufmuntert und mental unterstützt. Danke! Ich möchte aber auf keinen Fall, daß ihr euch wegen mir Sorgen macht. Wenn ich so einen Tiefpunkt habe, dauert es halt immer ein bißchen, bis ich mich wieder "berappelt" habe.


Mir ist schon mehrmals gesagt worden, ich soll professionelle Hilfe suchen. Aber ich sage ganz ehrlich, daß mir sowas schon schwerfallen würde. Und ich wüßte auch nicht, wie ich das machen sollte. Soviel ich weiß gibt es lange Wartelisten, also mit schneller Unterstützung ist nicht zu rechnen. Und an wen ich mich genau wenden müßte auch nicht. Und mit welcher Begründung. So nach dem Motto, hallo ich habe gerade mal wieder eine Krise, bitten helfen sie mir? Ich weiß ehrlich nicht.


Es ist ja auch nicht immer so wie gerade. Momentan brennt es sozusagen an allen Ecken und Enden. Es ist (finde ich) ungeheuer schwer, wenn ein Kind volljährig geworden ist und nichts mehr so ist wie vorher. Beziehungsweise wenn man dann nur noch hört, wie schlecht alles ist/war, wenn man so gut wie alle Fehler aufgezählt kriegt, die man je gemacht hat. Und natürlich habe ich Fehler gemacht, so wie jeder Mensch. Aber das Grundvertrauen, der Grundrespekt und die Würde des anderen sollte gewahrt bleiben. Ich meine, ich habe ein kleines Menschenkind 18 Jahre lang großgezogen, mit allen Höhen und Tiefen, und gehütet und unterstützt, und dann kriegt man von jetzt auf gleich einen Tritt in den Allerwertesten. Selbst bei allem Verständnis für Jugend und Pubertät, das ist einfach zuviel. 


Ich höre nur noch von Pflichten die ich (angeblich) habe, Rechte gibt und gab es keine. Kommunikation gibt es keine. Und Zuhören tut sowieso keiner.


Sina, du hast das schön geschrieben mit dem "bei sich selbst zuhause sein". Ich dachte eigentlich, ich wäre das. Weißt du, 18 Jahre lang habe ich geglaubt, alles ist ok, ich habe ein schönes Zuhause geschaffen, sozusagen als sicheren Hafen, von dem aus man ins Leben starten kann und auch sich auch jederzeit wieder zurückziehen kann. So habe ich mir das jedenfalls vorgestellt. Naiv naiv. Jetzt wird mir fast alles aus der Hand genommen, ich werde nur noch vor vollendete Tatsachen gestellt, es ist nichts Liebes da. Ich fühle mich in meinem sicheren Hafen bedroht  (also im übertragenen Sinn), so als ob ein Schiff von einer feindlichen Mannschaft gekapert wird und man kann nichts dagegen tun. Weil - gefangen in der Rolle als Mutter - darf man keine Fehler machen, sie werden einem vorgeworfen, man muß sich stets erstklassig und korrekt verhalten und immer vorbildlich reagieren. Dabei 24 Stunden für andere sein (Mutterpflicht!!), sonst ist man ja wieder schlecht, aber fordern darf man nichts. Man darf nicht mehr entscheiden, wer (und vor allem wieviele) fremde Menschen mit im Haus übernachten, wann ein Schüler während der Woche zuhause sein sollte, wann und was gegessen wird, denn - das Gegenüber ist ja VOLLJÄHRIG. Ich fühle mich echt als Spielball .


Ich darf nur noch abnicken und das war's. Keine eigene Meinung haben, und falls doch, sie auf keinen Fall äußern. Mich angiften und blamieren lassen, aber ich darf mich nicht wehren (bin ja als Mutter die erfahrenere und abgeklärtere...)  


Ich kann nicht einfach sagen, so jetzt denke ich an mich und mach einfach mal, was ich will. Ich bin ja ein Teil einer Gruppe, da schert man nicht einfach aus, oder? Dazu hätte ich ein viel zu schlechtes Gewissen. Wahrscheinlich stelle ich viel zu hohe Anforderungen an mich selber und dadurch auch an die anderen, das war schon immer so. Die kann ich erstens gar nicht alle  erfüllen und zweitens wenn andere Menschen mit ihrer Zielsetzung wesentlich darunter bleiben, verstehe ich das auch nicht. Sie sind halt oft schon viel schneller zufriedenzustellen als ich. Was ein Wirrwarr. 


Dabei bin ich jemand, der mit (fast) jedem klarkommt. Ich bin nicht streitsüchtig oder so, nicht berechnend oder auf meinen eigenen Vorteil bedacht.  Keine Ahnung, was da gerade so schiefläuft. Meine Kolleginnen im Laden nennen mich beispielsweise "Evalein", obwohl bis auf eine alle jünger sind als ich. Total süß. Zeigt doch auch, daß ich noch so ganz schiefgewickelt sein kann. Es hat noch nie im Leben jemand "Evalein" zu mir gesagt, weder aus der Familie noch im Freundeskreis. Also mir gefällt's.


So, das war's erstmal. Heute abend steht nämlich noch was Schönes auf dem Programm. Meine Jüngere (die Tanzmaus) hat heute abend Goldprüfung. Sie ist schon mächtig aufgeregt. Da müssen bestimmte Abfolgen und Figuren vor einer Jury abgetanzt werden, die auf alles achtet: Technik, Rhythmus, Ausdruck. Die Eltern sitzen dabei und schauen zu, die Mädchen tragen schöne Kleider, die Jungs Anzug. Hat ein bißchen was von "Let's dance". Und es gibt Wertungen von "bestanden  über gut bis mit Auszeichnung", was auf diesem Level schon schwer erreichbar ist. Also, wünscht ihr Glück. Ich muß mal gucken, was ich da so anziehe. Ich werde berichten.
Schönen Tag!

Kommentare:

  1. Jetzt versteh ich das erst. Die eigene Tochter benimmt sich mit 18 plötzlich völlig daneben?

    Das geht ja wohl gar nicht. Was sagt denn der Vater dazu?

    Viel Erfolg und jede Menge Spaß heute abend.

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  2. Hey Eva(lein),
    oh je...als ich das gelesen habe musste ich leider etwas an mich selbst vor 5 Jahren denken und bin wirklich traurig geworden. Wenn man in diesem Alter ist, kann man wirklixh so ungerecht sein und denkt oft gar nicht daran, dass man die Gefühle seiner Eltern damit verletzt! Ich weiß Alter ist keine Entschuldigung für schlechtes Benehmen, aber obwohl man nach dem Gesetzt erwachsen ist, ist man es eiegtnlich noch gar nicht und auch überfordert damit!

    Ich weiß ,wie gemein das sein kann und verstehe deine Tarurigkeit über die Situation! Vielleicht ist es ein kleiner Trost, dass deine Tochter das in ein paar Jahren vielleicht einsieht.

    Ganz liebe Grüße

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  3. Aber vielleicht solltest du mal dein schlechtes Gewissen beiseite legen und aus der Gruppe ausbrechen. Mal probieren.

    "Fake it, 'til you make it" im Zweifel.

    Vermutlich ist es doch so, dass der Hafen noch da ist, wenn du zurückkehrst.

    Nicht weit, das ist nicht nötig.

    Aber etwas für dich. Und auch mal ruhig ein wenig egoistisch.

    Es klingt vielleicht doof, aber an einem Punkt meines Lebens habe ich gelernt, dass an dem Spruch "Wenn jeder an sich selber denkt, ist an jeden gedacht" durchaus etwas dran ist.

    Ich kenn dich nicht. Aber ich würde jederzeit gerne einen Kaffee mit dir trinken und bin mir sicher, dass du wirklich ein Evalein bist! Das meine ich Ernst.

    Auch ich bin überzeugt, dass deine Tochter irgendwann mal sehen wird, was sie gehabt hat.

    Vielleicht auch dann, wenn es nicht immer so selbstverständlich ist...

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  4. Und was sagt der Vater dazu???
    Ich habe als gerade Volljährige gehört "Solange du deine Füße unter meinen Tisch streckst, hast du dich hier anzupassen" Das gab Krieg, bis ICH es kapiert habe. Und bei meinem Sohn habe ich das ähnlich gemacht. In einer Familie ( nicht nur da) müssen sich alle an Regeln halten!! Egal wie alt!! Und die sind mit 17 nicht anders als mit 18. Die ändern sich nicht über Nacht!! Und wenn sie schon so erwachsen sein will, dass sie alles selbst entscheiden kann, dann soll sie sich auch so benehmen!!! Das Verhalten klingt mehr nach Kindergarten
    Ich wünsch dir ganz viel Kraft und drück dich.
    LG Kerstin

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  5. Was mein Mann sagt? Er leidet, genau wie ich. Und steht genauso hilflos da. Er hat am 18. Geburtstag von ihr geweint, so als ob er geahnt hätte, was kommt. Er hat mit ihr als Kleine Laterne gebastelt, sie auf den Schultern getragen, wenn sie nicht mehr laufen wollte, ist mit ihr Fahrrad gefahren und hat mit ihr oft noch spätabends Mathe gelernt. Hört sich sentimental an, ich weiß, aber er war wirklich ein liebevoller Vater, der sehr präsent war. Dadurch, daß er heute viel geschäftlich unterwegs ist, kriegt er manches gar nicht "live" mit, aber er sieht ja mich und meine Reaktionen. Selbst er als "tougher" Mann weiß oft nicht, was er sagen soll.


    Marathonwoman: Schön gesagt. So sehe ich das ja auch. Und ich habe den Satz "Solange du die Füße unter meinen Tisch streckst ...." mehr als einmal gehört. Ich bin halt 18 geworden und fertig. Es hat sich erstmal gar nichts geändert. Das Erwachsensein wollen bezieht sich bei ihr leider wirklich nur auf ihre Rechte. Ich hoffe, diese Zeit geht vorbei, es ist mega anstrengend.

    Viki: Das gibt mir Hoffnung, ehrlich. Ich meine, ich weiß ja, daß diese Ablösephase von daheim "normal" ist und auch nicht ohne Reibereien geht. Aber so heftig und so plötzlich hätte ich es nicht erwartet. Wie ein Erdrutsch. Und vor allem hätte ich nicht gedacht, daß es mich als Person so aus der Spur haut. Nun ja, man lernt nie aus. Ich habe ja noch ein Mädel, vielleicht bin ich da dann schon abgehärtet.

    Danke euch allen für eure Worte!

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  6. Da bin ich ein paar Tage nicht hier, und sehe jetzt erst, was da bei dir los ist !!!

    mannomann, wie furchtbar ...

    ich kann mich an einen Cartoon erinnern:
    Vater: Solange du die Füße unter ...
    Sohn: (die Füße AUF dem Tisch) tue ich ja gar nicht ...

    Spontan würde ich sagen: schmeißt sie 'raus !!!
    soll sie sehen, wie sie sich ihren Unterhalt selbst verdient, ihren Alltag selber geregelt bekommt, ihre Wäsche, ihren Abwasch ...
    soll sie sehen, dass sogar ein VERMIETER als Hausbesitzer durchaus das Recht hat, Ruhe- und Nachtzeiten festzulegen sowie zu bestimmen, wer und wann über Nacht bleiben darf ...

    das erste, was du offenbar brauchst, sind Fakten
    welche RECHTE und Pflichten hat jeder einzelne tatsächlich (z.B. als Hausbesitzer)

    schnelle Hilfe bekommst du z.B. anonym bei einem Eltern-Familien-Sorgentelefon, die können dir auch regionale Beratungsstellen empfehlen, die akut und ohne Wartezeiten arbeiten, vielleicht kann man eine Art Vertrag festlegen?

    auf lange Sicht brauchst du Grenzen, die dich besser schützen, vielleicht kannst du dich auch diesbezüglich an eine solche Beratungsstelle wenden. Man kann sich auch nach "Coaching" erkundigen oder an eine Psychotherapeutische Heilpraktiker-Praxis wenden. Dort gibt es keine so langen Wartezeiten, muss man zwar dann selbst bezahlen, kostet aber nicht die Welt und hat nicht das Stigma der "Verrückten", sondern läuft eher unter der Überschrift "Hilfe in besondern Lebenslagen" ...

    Wirklich, such dir Hilfe !!!
    mir scheint da ein Familienmuster zu knacken zu sein: (?), Mutter - egoistisch, du - leidest, Tochter - egoistisch, (Enkelin - ?)

    ich wünsche dir so sehr ein gutes (verträgliches) Ende, du hast es soooo verdient ...

    Liebe Grüße - Anke

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