Sonntag, 11. September 2011

Heute vor 10 Jahren...

weiß vermutlich jeder, was er wann getan hat. Und niemand hat diesen Tag in guter Erinnerung, weil jeder früher oder später von den furchtbaren Ereignissen in New York erfahren hat.
Für mich persönlich war der 11. September einer der schlimmsten Tage meines Lebens. Nicht nur wegen New York.
Wir befanden uns damals mitten in Umzugsvorbereitungen nach Hessen. Will heißen, wir haben unser erst 3 Jahre altes selbst gebautes (wir haben es natürlich bauen lassen, aber halt nach unseren Wünschen) Häuschen in Nordrhein Westfalen verkauft und in Hessen ein anderes gekauft, weil mein Mann sich beruflich verbessern konnte. 

Er befand sich bereits am neuen Arbeitsplatz, und ich war während der Woche mit meinen Töchtern allein. Die Große war damals 9 und ging in die 3. Klasse, die Kleine war gerade 5 Jahre alt. Man kann sich vorstellen, daß es schon genug Streß bedeutet, sozusagen die Fahne hochzuhalten und den Alltag für die Kinder so gut wie möglich aufrechtzuerhalten,  während man selber schon alles beenden muß (Schulabmeldung, Kindergartenabmeldung, Turnverein und Malkurs kündigen, Kinderchor verabschieden). Gleichzeitig gab es tausend Entscheidungen zu treffen (Umzugswagen, Neu-Ausstattung neues Haus,  Terminabstimmung mit neuem Eigentümer und und und). Dazu sehr viel persönliche Unsicherheit über die Richtigkeit der Entscheidung und eine Menge Ängste vor der Zukunft, wohlwissend, daß eine gravierende Veränderung bevorsteht.

Zur Unterstützung waren damals meine Eltern auf Besuch. Die Oma hat gekocht, damit ich ein bißchen mehr Bewegungsfreiheit hatte und mit meinem Vater bin ich durch die Baumärkte gezogen. Man kann sich denken, daß die gesamte Situation für mich stressig und angespannt war.

Dann wurde meine Kleine krank. Durchfall, Buchschmerzen, aus heiterem Himmel. Der 11.09. war ein Dienstag.  Morgens waren wir noch beim Kinderarzt, mußten warten, es ging ihr sehr schlecht und der Tagesablauf war eh schon durcheinander. Ich habe sie nach dem Arztbesuch gleich heimgebracht zu meinen Eltern, sie aufs Sofa gepackt, um nach der Mittagspause zur Apotheke zu fahren und das Rezept einzulösen.

Kurz nach zwei mittags habe ich mich ins Auto gesetzt und bin zur Apotheke gefahren, dabei hatte ich das Autoradio an. Zur damaligen Zeit war es bei uns nicht üblich, schon mittags fernzusehen und auch daheim haben wir eher Kinder CDs gehört und Rolf Zuckowski und so. Im Auto-Radio hörte ich also, daß etwas Schreckliches passiert sei in New York und daß das Fernsehen in Sondersendungen darüber berichtet. Wieder daheim haben wir sofort das Fernsehen angemacht und waren so mehr oder weniger zufällig von Anfang an dabei. Ich sehe noch die Ratlosigkeit von Ulrich Wickert, der ganz nervös seine Zettel durchgeblättert hat und auch Peter Klöppel, der versucht hat zu berichten, und dem hin und wieder echt die Worte fehlten. Wir saßen - wie viele andere auch - fassunglos vor  dem Geschehen.

Ich bin allerdings zusätzlich mit meiner Kleinen im Zehn-Minuten-Takt auf die Toilette gegangen. Als der Bauch dann wirklich mehr als leer war, kam dann plötzlich nur noch Blut. Ich bin damals so erschrocken, daß ich es nicht in Worte fassen kann. Als ob eine kalte Hand an mein Herz greift. Ich hatte sowas noch nie gesehen, und es war wie eine existentielle Bedrohung für mich und mein wimmerndes Kind.

Gegen Spätnachmittag sind wir in Bielefeld in die Kinderklinik eingerückt. Nach längeren Eingangs-untersuchungen und schier endloser Wartezeit war, klar, wir mußten bleiben. Wir kamen in ein Zimmer mit einem anderen Durchfallkind (Salmonellen) und dessen Mutter. Weil die eine Toilette nicht für zwei reichte und keiner von beiden warten konnte, bekam meine Tochter eine Art Nachttopf.  Ich ein Beistellbett mit Gummitütenüberzug, der bei jeder noch so kleinen Bewegung geraschelt und gequietscht hat.
In dieser Nacht war ich sehr nahe mit meiner Tochter. Wir waren mehr auf dem Topf als sonstwo und ich hatte so eine Angst, meine Kleine zu verlieren. Keiner konnte mir so recht sagen, was es ist, alle wollten den nächsten Tag abwarten.

Wer die Klinik in Bethel damals kannte, weiß, daß sie zu der Zeit aussah wie ein Bunker. In der Ecke des Zimmers befand sich eine Art Ventilator-Lüftung, die ständig vor sich hingebrummt hat. Grüne Wände, grüne Vorhänge, auf den Fluren viele sehr kranke Kinder und auch Babies. Von Cortison aufgeschwollene Krebskinder und Babies, mit verbundenen Köpfen und Drähten aus allen Körperteilen. Weinen, Angst, blasse übernächtigte Mütter, furchtbar. Mitten drin ich mit meiner Kleinen. Teelöffelweise habe ich versucht, ihr Fencheltee zu geben, der sofort wieder herauskam.
Am nächsten Morgen bei der Visite kam ein junger Arzt im Schlepptau mit einigen Studenten. Jeder "durfte" den Bauch meiner Kleinen fühlen und da war es für mich vorbei. Als ob alle Dämme brechen, ich habe nur noch geheult. Die ganze Angst und Unsicherheit, die Anspannung, alles brach heraus. Der Arzt hat mich beiseite genommen und gewartet, bis ich wieder sprechen konnte. Er erklärte mir, daß dieses Krankheitsbild für ihn gar nicht sooo ungewöhnlich war, daß er jeden Tag mindestens ein Kind mit dergleichen Sache behandle, daß man erst mal abklären müsse warum und so.

Dann folgten unzähligen Ultraschalls und Blutabnahmen und dann irgendwann die Erkenntnis, daß es sich um einen sehr aggressiven, aber bei Kindern durchaus nicht unüblichen Virus handelt. Und daß sie auf jeden Fall wieder ganz gesund wird. Jetzt könnte man denken, Erleichterung - aber diese Angst saß bei mir noch sehr lange sehr tief. Die ganze Atmosphäre war einfach nur bedrohlich.

Vor zehn Jahren durfte man übrigens noch kein Handy im Krankenhaus haben, sondern es gab auf dem Gang einen öffentlichen Fernsprecher. Der war natürlich dauerbelegt, weil jeder mit daheim telefonieren wollte. Wenn ich mal kurz meinen Mann informieren konnte, war das schon toll. Ich habe mich so abgeschottet von der Außenwelt gefühlt und so unendlich allein.

Die Geschehnisse in New York traten da erstmal total in den Hintergrund für mich. Erst als wir wieder entlassen wurden, traf mich auch das alles mit voller Wucht. Die Zeitungen waren voll davon, das Fernsehen hat über nichts anderes berichtet.

Und - als wäre das alles nicht genug, ich weiß es noch wie gestern, habe ich am allerersten Tag daheim die Zeitung gelesen, beim Frühstück ganz früh, da war eine Todesannonce drin mit einem Namen den ich kannte. Ich habe es mehrmals gelesen und es echt nicht kapiert. Ein Freund unserer Familie, der junge geschiedene Vater einer Kindergartenfreundin meiner Tochter war tot. Wir hatten uns die Woche davor noch gesehen. Er war weder krank noch sonst irgendwas, lag mit Anfang 30 einfach tot im Bett.

Es war wie ein Schlag aus heiterem Himmel, man geht so innerlich in die Knie. Er war (nach meinem Mann) einer der liebevollsten Väter den ich bis heute kennengelernt habe. Er hat für seine Kleine alles getan, sie geliebt und gehütet. Er hat mit ihr im Heu geschlafen, meine Tochter und seine Tochter haben bei ihm in der Küche getanzt (da gibt es noch Fotos von), er hat den Mädels Pizza gemacht, war auf jedem Kindergarten Event dabei und mit den Kindern auf dem Weihnachtsmarkt und auf dem Rummel. Unfaßbar. Bis heute.

Ich denke mir, er ist an gebrochenem Herzen gestorben, denn seine Ex-Frau hatte mit ihrem "Neuen" ein neues Baby bekommen. Er hätte auch gerne weitere Kinder gehabt und er hing auch noch sehr an dieser Frau, die ihn übelst betrogen hat.

Tja, soweit meine Erinnerungen an den September 2001. Wir sind 4 Wochen drauf weggezogen und konnten hier ganz neu anfangen, das ganze schlechte blieb dort zurück. Aber wenn ich das alles so schreibe, steigen mir immer noch die Tränen in die Augen. Keine Ahnung warum. Das waren irgendwie die intensivsten Ängste und Bedrohungen, die ich bis dahin erleben mußte.

Heute ist meine Maus übrigens 15 und kerngesund. Möge es so bleiben.

Kommentare:

  1. I read your blog with google translate tool, I'm enjoying reading your review/story and will come back later.

    thanks
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  2. Oh Gott... das war ja ein richtiger Horrortag für dich damals.... :-(

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  3. Das sollten mal deine Mädels lesen...denn was ich so lese hast du es ja nicht gerade leicht mit ihnen. Kein Mensch der Welt kann eine Mutter ersetzen, und diese Liebe und Angst um dein Kind...ich konnte es mitfühlen. Lass dich drücken

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Über nette Kommentare freue ich mich: