Montag, 23. Mai 2011

Rückblick


Wie doch einige andere Bloggerinnen auch, bin ich mehrmals durch die Republik umgezogen und habe sehr darunter gelitten. Ich bin gebürtige Baden-Württembergerin, also Schwäbin (mein Mann kommt auch von dort).  Ich spreche allerdings hochdeutsch, das kam durch den Beruf meines Vaters. Er war Bundeswehrsoldat mit häufig wechselnden Kollegen von überall her, die nichts anderes verstanden hätten. Damit ich mit deren Kindern immer gut zurecht kam, hat meine Mutter mir "richtiges" Deutsch beigebracht. Ich verstehe schwäbisch zwar, spreche es aber nicht. Nach der Schule bzw. meiner Ausbildung und nach der Bundeswehrzeit meines heutigen Mannes (damals noch mein Freund) haben wir uns in der Nähe von Stuttgart niedergelassen. Ich habe in einer großen Bank in Stuttgart gearbeitet, mein Mann hat erst studiert, dann promoviert. Zu dieser Zeit kam unsere erste Tochter auf die Welt und ich hörte auf zu arbeiten. Nach 3 Jahren die zweite Tochter. Alles war gut. Wir hatten nicht super viel Geld, aber genug und wir waren glücklich.

Dann war mein Mann  fertig mit der Promotion und begann sich zu bewerben. Wie von mir befürchtet kam das beste Angebot von sehr weit weg (Bielefeld). Ich wollte nicht umziehen, hatte meinen Freundeskreis mit anderen Müttern und deren Kindern, war im Kinderturnen, im Malkurs, in der Krabbelgruppe usw. und fühlte mich sehr wohl. Aber da meineganze Familie der Meinung war, darauf könnte man keine Rücksicht nehmen (in der heutigen Zeit muß man ja froh sein überhaupt eine Stelle zu bekommen und dann noch so eine gute und und blabla), zogen wir um. Mein Abstieg begann. 

Ich saß alleine mit zwei kleinen Mädchen in einer völlig fremden Umgebung, keine Freunde, keine Familie, keinen Orientierungssinn (was hab ich mich damals verfahren, es war die Hölle (Navi gabs da noch nicht). 850 km entfernt von allem was mir lieb war. Und ein hochmotivierter Ehemann, der sehr oft auf Geschäftsreise war. Die Kinder waren oft krank und ich saß allein mit beiden und dem Fieberthermometer daheim. Verständnis von anderen?? Null!! "Dir gehts doch gut, was hat du denn". "Dein Mann verdient doch gut, sei zufrieden". 

Ich habe versucht, so schnell wie möglich Kontakt zu bekommen, hab mich dort im Kinderturnen angemeldet, habe am Kindergartenleben der Großen so aktiv wie möglich teilgenommen, war freundlich und doch total unglücklich und einsam. Ich habe immer an das Leben gedacht, das ich verloren hatte und habe ständig daran zurückgedacht. In dieser Zeit habe ich sehr viel abgenommen. Ich wog nur noch ca. 56 kg und hatte überhaupt keinen Spaß mehr am Leben.

Um diesem Zustand ein Ende zu setzen, beschlossen wir, die Flucht nach vorn anzutreten. Wir wollten uns ein Zuhause schaffen, eine neue Heimat sozusagen und haben ein Haus gebaut. Es sollte so eine Art Symbol für unser neues Leben in Bielefeld werden. Wir hatten Glück, nette Nachbarn, viele Familien mit kleinen Kindern in der Straße und schnell Kontakt. Die Kinder haben sich sauwohl gefühlt. Ich immer noch nicht, aber ich war abgelenkt,  hatte ein paar Bekannte zum Reden und gut. Meine Große kam in die Schule, die Kleine in den Kindergarten, nur ich hab mich immer noch gefühlt wie auf dem Mond. So fremd alles.


Wie es weitergegangen wäre weiß ich nicht, denn mein Mann bekam von seiner Firma ein Angebot (daß man natürlich unmöglich ablehnen konnte, weil so toll und so gut, siehe oben), das wieder mit einem Umzug verbunden gewesen wäre. Unser Häuschen war gerade 2 einhalb Jahre alt. Wir haben eine Weile hin und her überlegt, dann das, Häuschen verkauft, ein neues gekauft, wieder umgezogen, diesmal nach Hessen. Näher an meine eigentlichen Familie, aber immer noch 4 Stunden Fahrt davon entfernt. Wieder Neuanfang. Die Kleine im Kindergarten hatte gar keine Probleme, aber meine ältere Tochter. Sie war in der 3. Klasse Grundschule und kam als neue Schülerin in die hiesige Dorfschule dazu. Alles Hessenmädels, hier geboren, auch so sprechend und dann meine Süße: hochdeutsch, niedlich, anders. Es war sehr schwer für sie, Anschluß zu kriegen und Kinder können sehr gemein sein. Es tut mir heute noch leid, meine Große, aber ich konnte es nicht verhindern. Heute, viele Jahre später, ist sie Gott sei Dank völlig integriert, inzwischen auf dem Gymnasium, macht nächstes Jahr Abi. Aber der Anfang war schwer. 

Ich tat mich mit diesem Wechsel leichter als beim ersten Umzug. Ging auf die Leute zu, meldete überall an (Turnverein, Musikverein usw. usw.). Man lernt ja dazu. Anfangs war alles ganz ok. Doch dann wurden meine Töchter zusehends größer und selbständiger. Sie, die meine ganze Tages- und Lebensaufgabe waren, brauchen mich zeitlich gesehen, immer weniger. Die Große fährt Auto, ist viel bei ihrem Freund, jobbt noch nebenher. Die Kleine hat G8 (verkürzte Zeit bis zum Abi) und hat daher sehr viel Unterricht. Daheim muß sie viel lernen und sie tanzt noch 3 x die Woche Standard, Salsa und Lateinformation. Tolle Töchter also, wirklich, bin auch sehr stolz.


- Und irgendwo dazwischen ich. -

Ich werde älter und älter und dicker und dicker... Nix mehr 56 kg. Da hab ich mich allerdings auch nicht wohlgefühlt.  Ich suche, ja nach was eigentlich? Durch die Pubertät meiner Töchter sind wieder sehr viele alte Wunden aus meiner Jugend aufgerissen worden. Dinge, die ich längst abgehakt geglaubt habe. Die letzten beiden Jahre waren sehr schwer für mich. Loslassen der Kinder ist für mich das Schlimmste, was es gibt, obwohl ich weiß, daß es gut und richtig ist.  Der Kontakt zu meinen Eltern ist mittlerweile abgebrochen.

Ich habe seit kurzem einen stundenweise Job. Das ist zumindest positiv, denn ich bin abgelenkt und muß mich auf neue Sachen konzentrieren. Aber es gibt immer mehr diese  Momente, in denen ich mich frage, wie wohl alles weitergehen soll. Jedenfalls, das mit dem Gewicht muß wieder rückwärts gehen. Daher habe ich eine nette Bloggerin, die sich sehr mit LCHF beschäftigt, um Hilfe gebeten. Vielleicht klappt das ja.

So, nun muß ich mich fertig machen. Habe heute Einsatz im Laden. 

Ach so, und ich heiße natürlich nicht Nelly. Ist bloß ein blödes Pseudonym. 

Kommentare:

  1. Liebe Nelly,

    auf jeden Fall nach vorn schauen! Besser noch den Augenblick JETZT genießen und leben.

    Lass das Alte Dich nicht mehr leben. Das ist vorbei. Wenn Du das nicht allein schaffst, dann lass Dir helfen. Verlaß Dich auf Dich, was Dir helfen kann. Und dann LOS! ;-)

    Schaff Dir Dein Zuhause so wie Du es magst. Dann ist es egal, wo Deine Wohnung oder Dein Haus ist...

    Soweit zu den praktischen Tipps. ;-) Die emotionalen: Lass Dich mal in den Arm nehmen! Ganz fest! Und dann heul und schrei alles aus Dir heraus. Wirklich alles! Und dann putz Dir die Nase. Du wirst sehen, dass die Welt schon ganz anders aussieht. Schreib Tagebuch. Schreib Dir alles von der Seele.

    Und lass Dich anstecken hier... Das tue ich auch jeden Tag! Das tut supergut!!! :-))

    Ich wünsche Dir einen schönen Tag,
    Anke

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  2. Liebe Anke,
    dankeschön. Du hast ja so recht. Das alte Mistzeugs ist wirklich vorbei. Und hurra, wir leben noch!! Also los!

    Es ist halt eigenartig, wie sich die Wahrnehmung im Laufe der Jahre verändert. Heute mache ich mir über ganz andere Sachen Gedanken als früher. Aber eins ist sicher: Ich versuche, mein Leben zu genießen. Keine Sekunde mehr zu vergeuden. Nicht mehr fremdbestimmt vor sich hinzuvegetieren. Ist nicht leicht, aber geht schon. Jeden Tag ein bißchen besser. Ich lasse mich gerne von positiven Menschen anstecken!
    Liebe Grüße
    Eva (ich heiße Eva, nicht Nelly, so nun ist es raus)

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  3. Liebe Eva,
    so, heute laber ich dich ein wenig zu. Habe gerade bei einem anderen Post von dir noch eine Nachricht hinterlassen. Ich mag die Ehrlichkeit, mit der du dich mitteilst. Dehalb noch etwas zum Thema "Loslassen".
    Ich glaube, man kann seinen Kindern ein großes Geschenk damit machen, wenn man sie loslassen kann. Damit zeigt man ihnen auch "Hei, ich vertraue dir, dass du es ab hier alleine schaffst." Ganz klar verbunden mit dem Signal, dass man für sie da ist, wenn es mal holprig wird. Das Gefühl, dass man ihnen etwas zutraut, ist für große und kleine Kinder eine unheimliche Motivation und ein großer Vertrauensbeweis. Das macht sie stark. Ich weiss aus eigener Erfahrung, dass ich mich so viel wohler bei Menschen fühle, die mich loslassen können, als bei denen, die mich festhalten wollen und mich nicht "mich sein" lassen können. Zu Eltern, die einen loslassen können, geht man gerne zurück bzw. da zieht es einen sogar hin.
    Noch etwas zur "Suche und nach was eigentlich". Ich kann nur von mir selbst berichten. Oft sucht man außerhalb von sich nach der Lösung, aber meistens findet man sie in sich selbst. Der Mensch braucht auch Nahrung für sein Inneres, seine Seele. Ich kann von mir selbst sagen, dass, seit ich vor eineinhalb Jahren wieder begonnen habe mich mehr mit meiner spirituellen Seite zu beschäftigen, ich ein glücklicherer Mensch bin. Ich schreibe seither ein "thank-you-journal", eine Art Tagebuch, in das ich (fast) jeden Tag hineinschreibe, wofür ich dankbar bin in meinem Leben. Und das ist doch recht viel.

    Have a wonderful day und ganz liebe Grüße,
    Britta

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