Mittwoch, 4. Mai 2011

Geschichten 2

Die Familie lebte weiter. Die bitte und danke sagende Tochter auch. Sie fand einen lieben Mann, heiratete und zog aus. Jahre später bekam sie selbst zwei Kinder und lebte mit ihrer eigenen kleinen Familie in Frieden dahin. Zu den Eltern gab es nur sporadischen Kontakt, da eine große geographische Entfernung zwischen den beiden Wohnorten lag (ca. 700 km).  Da begab es sich, daß die innerdeutsche Mauer fiel und die deutsche Einheit ausgerufen wurde. Der Vater (Offizier der Bundeswehr) ließ sich nach Ostdeutschland versetzen, um dort bei der "Neugliederung des Staates" dabei zu sein. Er erzählte was von historischem Moment und Ehre für jeden Offizier und interessant und blabla. Jedenfalls hat sich keiner wirklich was dabei gedacht, man hat ihm halt geglaubt. Das hieß, er war in einem kleinen Apartment in Ostdeutschland und die Mutter blieb im süddeutschen Einfamilienhaus. Die Eltern sahen sich auch nur selten und jeder lebte sozusagen sein eigenes Leben. Mehr oder weniger. Der Vater mehr...


Als er mal bei einem etwas längeren Urlaub zuhause bei seiner Frau war, wurde ihm per Post seine Brieftasche mit Geld, Ausweis usw. zugeschickt. Anonym, versteht sich. Mit einer handgeschriebenen Adresse drauf. Die Mutter wunderte sich sehr und bekam eine Geschichte vom der verlorenen Brieftasche aufgetischt. Wieso der angebliche Finder allerdings die Heimatadresse wußte, wieso er anonym verschickte und wie die Brieftasche verloren wurde, konnte nicht genau geklärt werden. Also wurde die Mutter hellhörig. Fragte mehr nach, achtete auf die Telefonrechnung und die abtelefonierten Nummern usw., wie man das halt so macht. Nach kurzer Nachforschung stand fest: Der Vater hatte eine andere. Eine sehr dicke, dumme, aber sehr bedürftige Dame (sorry, ich weiß das nicht alle so sind, ehrlich, aber die war halt mal wirklich so). Er hatte sie viele Jahre zuvor auf einer Kur kennengelernt und betrog die Mutter acht Jahre (8! 8! 8!) lang mit dieser Tussi im Osten. Sie war vermutlich der Grund seiner plötzlichen Motivation, in den Osten versetzt zu werden. Das war's? Ne ne, kommt noch viel besser.


Die Mutter verließ in wieder nicht und warf ihn auch nicht raus. Es gab ein längeres Hin und Her und dann bekam die Mutter eine Kur genehmigt. In der Nähe des neuen Wohnortes der Tochter (die mit Bitte und Danke). Die Enkelkinder waren zu diesem Zeitpunkt 6 und 2 Jahre alt.  Die Tochter und die Enkelkinder besuchten natürlich die Mutter (weil es ja nah war) und erfuhren, daß die nächsten Tage "Die" Entscheidung bringen sollten, was das Weiterbestehen der Ehe der Eltern betraf. Haha! Der Vater wurde bei der Tochter im Gästezimmer einquartiert (auf Initiative der Mutter). Ist ja billiger als Hotel und es ist doch so nah und blabla. War echt an der Schmerzgrenze und extrem unangenehm. Die Tochter konnte es mal wieder nicht fassen, konnte sich aber auch nicht wehren. Er sollte ja nur dort übernachten und tagsüber die Dinge "klären". Der Vater war zu diesem Zeitpunkt 49 Jahre alt.


Die wütende Tochter stellte ihn eines Abends zur Rede und wollte wissen, wie er sich denn die Zukunft der Familie vorstelle. Was das alles solle und die wichtigste Frage, ob er denn Opa für die beiden Enkelkinder bleiben wolle. Die Antwort des Vaters war "Ich weiß es nicht", er drehte sich um und ging aus dem Raum. Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.
Die Tochter blieb zitternd vor Wut und Abscheu zurück. Das wäre der Zeitpunkt gewesen, ihn rauszuwerfen, der allerspäteste Zeitpunkt, aber um dem Willen der Mutter zu entsprechen, sagte die Tochter nichts.


Ein paar Tage später wurde die Tochter samt Familie in den Kurort bestellt, wo die Mutter allen erklärte, sie sei nun die "Siegerin" in dieser Geschichte, der Vater wolle sich nicht von ihr trennen, er würde angeblich die andere Liaison beenden. Das war der ganze Kommentar. Dann ging die Familie zum Essen und die Eltern liefen händchenhaltend wie Teenager vor der entsetzten Tochter her. H Ä N D C H E N H A L T E N D !! Den Brechreiz, den sie damals verspürte, wird sie nie vergessen.


Wie fühlt man sich in so einer Situation?  So, als betreffe einen das gar nicht. Das ist alles so unwirklich, unerwartet und unglaublich, daß man weder Worte noch Gefühle dafür hat. Nur Unbehagen, Fluchtgedanken, nur weg, raus aus dieser unaushaltbaren Situation. Der Tag wurde schnell beendet, der Vater fuhr Gott sei Dank nach Hause und zurück blieb die entsetzte Tochter. Der eh schon sehr kümmerliche Kontakt zum Vater ging gegen Null.


Nicht so der zur Mutter. Es wurde abendelang diskutiert, wie man sich einbilden kann, nach acht Jahren Betrug eine "Siegerin" zu sein. Wie man diesen Menschen auch nur im entferntesten ertragen kann. Warum man sich als Frau nicht trennt, warum, warum, warum.
Die Tochter litt Höllenqualen. Zunächst ging alles zur Tagesordnung über, so nach dem Motto "ist ja nix passiert", wir leben unser Leben und das geht uns nix an. Weit gefehlt. Die Verletzungen waren zu tief. Der Schmerz nicht zu bezwingen. Und auch das Selbstverständnis als Frau, jegliche Selbstachtung war in Frage gestellt. Wie will man sich denn als Tochter einer Mutter fühlen, die sich so klein macht und so jämmerlich reagiert? Als starke Frau? Never ever. Man will gar keine Frau sein, so abscheulich ist dieser Gedanke, so wenig wert zu sein.


Die Tochter lernte mühsam wieder, in ganz kleinen Schritten "zur Normalität" (was immer das auch ist) überzugehen. Nach außen zu funktionieren. Es ist, als sei man in einer lebenslänglichen Reha und muß vom komplett Gelähmten wieder lernen, Marathon zu laufen. Die Wunden und Narben wollen einfach nicht heilen. Sie brechen immer wieder auf. Und tun weh. Manchmal so sehr, daß es unerträglich wird. Wenn andere Töchter Liebe erfahren, oder andere Enkelkinder umarmt werden, wenn ein trauriges Lied kommt oder Weihnachten oder Geburtstag oder oder.


Lieber Gott, wenn es dich gibt, zeig uns deinen Weg. 



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