Mittwoch, 23. März 2011

Geschichten

Es war einmal ein kleines Mädchen. Es war süß, mit dunkelbraunen Locken und einem niedlichen Puppengesicht. Das Mädchen war die Erstgeborene, ein Wunschkind und der ganze Stolz der Mama. Sie hat das Mädchen soooooo geliebt! Diese Liebe äußerte sich insbesondere darin, die Kleine mit Kleidchen, Lackschühchen, Mäntelchen und Schleifchen auszustatten. Jeder der sie sah fand, daß sie ein besonders hübsches Kind mit besonders hübschen Kleidern war. 


Das war jedoch nicht alles. Die Kleine war auch sehr gut erzogen, sagte früh "Bitte" und "Danke", konnte tadellos mit Messer und Gabel essen, saß aufrecht, ging aufrecht und konnte früh lesen. In der Schule war sie überdurchschnittlich gut und machte auch sonst keinerlei Probleme. Sie funktionierte prächtig.


Doch dann wurde sie älter. Irgendwann kam der Punkt, an dem ihr Schleifchen und Rüschelchen nicht mehr passend erschienen. Allerdings war sie da schon 13.  Sie wünschte sich eine "echte" Jeans, einen Parka im Military Look und Turnschuhe. Sie bekam Cordhosen, Teddyjacken und Sandalen mit Absatz. Sie war unglücklich und einsam, aber folgsam und muckte nicht auf.


Inwischen war ein zweites Töchterlein geboren und war ab da der Mittelpunkt der Familie. Ein Haus sollte jetzt her, damit die Familie einen würdigen Rahmen hatte. Das Geld wurde knapper, deshalb beschloß die Mama wieder arbeiten zu gehen. Sie ging ganztags arbeiten und machte abends oft Babysitter Dienste in der Nachbarschaft. 


Das große Töchterlein begann sich zu entwickeln, wurde dicker, und da jetzt gespart werden mußte, wurden an den zu kleinen Jacken Bündchen angestrickt und an den zu kurzen Hosen  Borten angenäht. Das süße kleine Püppchen war sie schon lange nicht mehr, denn das zweit-geborene Töchterlein war nun der Star der Familie. Trotz Bestleistungen in der Schule, trotz "Bitte und Danke", keine Aufmerksamkeit mehr. Das Interesse der Mama ließ merklich nach.


Dafür begann der Vater sich zu interessieren. Bisher nicht wirklich wichtig gewesen (denn die Mama hatet ja das Leben dominiert), bemerkte er die "Veränderungen" an seiner Tochter. Besonders bemerkte er sie abends, wenn die Mama mal wieder Babysitten und nicht zu Hause war. Dann kam er ans Bett der großen Tochter....


Tagsüber war alles wie immer, die Große sagte "Bitte" und "Danke" und muckte nicht auf. Sie wollte so gern der Mama gefallen, aber das funktionierte nicht. Das Mädchen wurde immer einsamer und trauriger und verstand die Welt nicht mehr. Sie versuchte die Nähe zum Vater zu vermeiden, ging aus dem Zimmer wenn er eintrat und versuchte, jeden körperlichen Kontakt zu vermeiden. Daß dies zu Problemen führte, kann sich jeder denken, denn die Mutter dachte, das Kind sei bockig und frech. Sprüche wie "Solange du die Füße unter meinen Tisch streckst usw. " waren an der Tagesordnung.


Irgendwann kam das Ganze durch einen Zufall  heraus. Die Mutter stellte den Vater zur Rede, der stritt alles ab. Das Kind hoffte auf Bestrafung des Vaters, auf Verständnis der Mutter und auf Liebe. Doch nichts davon trat ein. Der Vater durfte bleiben, die Mutter sprach nie mehr darüber, die Kleine war nach wie vor der Star der Familie. Die große Tochter weinte ein Woche lang, bis sie keine Tränen mehr hatte.


Sie wurde irgenwann volljährig, zog irgendwann aus und hoffte immer noch auf die Liebe ihrer Mutter. Sie bekam keine. Sie war einsam und traurig. 


Viele viele viele Jahre später brach sie den Kontakt zu ihren Eltern ab. 


Sie sagt übrigens immer noch "Bitte" und "Danke".

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